review & interview
Kokoon im Soho
Interview vom 19.11.2003 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Kokoon
Interview vom 19.11.2003 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Kokoon
Mixturen aus eingängigen Songs mit harten Passagen haben viele Bands im Rezept. Bei Kokoon bleiben die Songs allerdings wirklich im Ohr hängen und wenn gerockt wird, dann nicht à la wilderer Kindergeburtstag, sondern per Dampfwalze. Diese Konsequenz und das Spiel mit Kontrasten machend den Reiz der Band aus. Die Möglichkeit, eine ausdrucksstarke und vielseitige Frauenstimme mit schweren Gitarren zu kombinieren wird in alle Richtungen ausgelotet, kaum ein Song, von dem man sagen könnte er sei durchgängig ruhig oder durchgängig hart. Kokoon ist von Brechungen durchsetzt, melancholisch bis wütend, immer emotional. Die Performance lebt ebenfalls von Kontrasten: Drei schwere Jungs blonde Lady, die mal kokett, mal offensiv, immer mit sehr eigenem Charme, Mikro und Geschehen im Griff hat, und auch bei gleicher Höhe mit dem Publikum nicht davor zurückschreckt, singend auf dem Boden zu liegen.
Den drei Herrschaften ist anzumerken, dass sie schon länger zusammen am Rocken sind. Auch die ruhigen Songteile kommen mit erstaunlichem Druck, alles ist spielerisch mit gelungenen Breaks durchsetzt, um zwischendurch gern mal richtig brachial zu werden. Es ist jederzeit deutlich, dass Kokoon in der Lage wären, den Gewölbekeller, der das Soho beheimatet und der vermutlich den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, in Schutt und Asche zu legen. Aber stattdessen bleibt es bei der Andeutung. Härte verbindet sich mit Melodie, und das Ergebnis sind echte Ohrwürmer. Passiert vielleicht auch deshalb nicht, weil Drummer Neudi keinen puren Metal mehr machen möchte, da er "Schlagzeug spielen und keinen Sport treiben" will.
Eine kurze Akkustik-Einlage gibt`s auch, und das Publikum weiß es zu danken. Honeymoon Steppdance muss wiederholt werden, den Opener der CD hätte man sich auch noch ein drittes Mal anhören können. Wer wissen will, was mit Ohrwurm und brachial gemeint ist: Reinhören!. Auch wenn man's eigentlich gar nicht mehr schreiben und sagen darf, weil gerade in Mannheim der Satz über jeden fällt, der eine Klampfe richtig rum halten kann: Kokoon könnten durchstarten wie eine Rakete, sie haben alles was man dazu braucht.
Interview
RA: Euer erstes Album ist frisch am Start, ihr habt gleich zwei Tonstudiobetreiber in euren Reihen, es ist anzunehmen, dass ihr die CD selbst produziert habt?
Nadine: Ja, die CD wurde im Studio unseres Gitarristen aufgenommen, im Kohlekellerstudio. Unser Gitarrist ist somit auch unser Produzent.
Neudi: Er hat viele Aufträge von anderen Bands, nicht die ganz großen Dinger, aber eben auch schon über Plattenfirmen. War nur insoweit schwierig, dass er mittlerweile so viele Aufträge hat, dass man als eigene Band kaum ins Studio kam. 60 Prozent der CD waren aufgenommen, der Rest musste in einer zweiten Session aufgenommen werden und wurde dann auch gleich komplett gemischt. Man hört der CD allerdings nicht an, dass zwischen diesen Sessions ein halbes Jahr lag.
RA: Ihr vertreibt die Platte selbst?
Neudi: Was heißt vertreiben, man kann sie über unsere Homepage bestellen und natürlich auf den Konzerten kaufen. Wir hätten sie auch einfach brennen und an Plattefirmen schicken können. Aber wir wollten sie schon jetzt verkaufen können und uns damit bewerben.
Nadine: Das macht man schließlich einfach auch für sich selbst, man will ein richtiges Cover, dass man irgendwann vielleicht mal seinen Enkeln zeigen kann oder so. Ist ja auch was schönes. Man ist da ja nicht nur rational.
Neudi: Ich brauch' noch einen Bilderrahmen, alles was ich bisher gemacht hab' hängt in meinem Flur.
RA: Wie steht es um die Bewerbungen an Plattenfirmen?
Neudi: Es gab schon Resonanz. Noch nix spruchreifes, wir wollen uns nicht unbedingt auf die konzentrieren, die sich am schnellsten melden. Auch das Verschicken wurde in verschiedenen Stufen gemacht, wir haben uns ein-zwei Leute an Land gezogen, die sich darum kümmern. Erst wenn alles vorbei ist, wollen wir uns festlegen.
Nadine: Man sollte sich reiflich überlegen was man da unterschreibt. So geil sind wir nicht auf Karriere, dass wir blind zuschlagen würden.
Neudi: Es gibt so viele junge Bands, die in so einer Situation alles hinschmeißen würden, weil sie denken, geil, ein Plattenvertrag, jetzt geht's nur noch ab … Das haben wir halt hinter uns.
RA: Aber bei einem Angebot mit dem ihr zufrieden wärt, würdet ihr das schon tun?
Nadine: Na klar, würde doch jeder machen.
Neudi: Ja. Sicher.
Nadine: Auf der einen Seite steht jeder von uns im Leben, ob Studium oder Job. Aber die Musik ist die Nummer eins, und wenn da was gehen würde wären wir dabei.
Neudi: Das Witzige an dieser Band ist, ist dass sie nicht, wie Century, das Vorgängerprojekt von uns drei Männern, auf Erfolg konzipiert ist. Sie ist das, was dabei herauskommt, wenn vier Menschen zusammen Musik machen. Unser Gitarrist, Kohle, schreibt zwar grundsätzlich die Songs und kommt mit fertigen Ideen in den Proberaum. Aber man sollte es nicht für möglich halten: Wir machen daraus was uns allen Spaß macht. Es ist nicht so, dass einer schon den Drumcomputer programmiert hat, und der Rest es einfach nachspielt, was man immer häufiger mitkriegt. Solchen Bands fehlt dann einfach was.
RA: Die drei Herren waren gemeinsam bei der Band Century. Nadine, bist du dann dazu gestoßen, oder wie hat man sich das vorzustellen? Wie lange gibt es jetzt Kokoon?
Nadine: Kokoon gibt es jetzt so ein-zwei Jahre. Bei der ersten Probe war es kalt, müsste also zwei Jahre her sein. Ich bin dann dazu gestoßen - obwohl, es lief anders …
Neudi: Diese Century-Ding sollte nicht überbewertet werden, musikalisch haben wir gar nichts mit Century zu tun. Klar, muss es erwähnt werden. Es zeigt, dass wir eine gewisse Erfahrung haben, was wiederum für uns spricht. Aber wir sind keine Century-Nachfolger, um Gottes Willen …
RA: Kommt auch nicht so rüber. Aber ihr habt Paradise Lost, Crematory und HIM supportet und das macht zunächst mal hellhörig. Nadine, du bist auch kein unbeschriebenes Blatt?
Nadine: Ja, ich hab' in verschiedenen Bands gesungen und mit unserem Gitarristen, Kohle, auch sehr viel früher eine Band gehabt, vor so acht Jahren. Kokoon hat quasi auch mit uns beiden angefangen, mit der Akkustik-Gitarre vorm Fernseher …
Neudi: Die zwei graben heute noch Songs aus der Zeit aus.
RA: Auf einen Punkt eurer Century-Vergangenheit muss ich allerdings noch zu sprechen kommen: Euer Support für HIM. Ich hatte diese Jahr das Vergnügen den Bassisten Migè Amour zu interviewen. HIM hat das Riesenproblem, noch keine Vorgruppe gefunden zu haben, die ordentlich mit ihnen beim Trinken mithalten konnte. Demnach seid ihr schwache Trinker?
Neudi: Migè war zusammen mit deren Drummer derjenige, der mir bei unserem letzten gemeinsamen Gig eine Flasche Jägermeister an den Hals gesetzt hat – während ich spielte. Ich hätte beinahe gekotzt. Die saufen wirklich wie die Löcher. Aber sie sind am nächsten Tag fit. Das Publikum merkt davon nichts. Wahnsinn! Unser Bus ist verreckt, und wir fuhren eine Nacht in deren Bus mit. Ville Vallo lag um 10 im Bett, ok. Aber der Rest … Beeindruckend.
RA: Klingt vorbildlich. Wie geht es kurzfristig bei euch weiter?
Nadine: Wir hatten einige Konzerte, CD-Release in Darmstadt, Worms, Schlossgrabenfest. Wir wollen uns jetzt eigentlich auf neue Songs konzentrieren. Langsam Stück für Stück neues Material angehen und auch aufnehmen.
Neudi: Natürlich haben wir auch einige CDs an Festivals hier in der Gegend verschickt, mal sehen.
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