Auch am zweiten Tag begeisterte das Line-Up des Maifeld Derby Festivals, wenn sich auch gegen Mitte des Festivaltages eine gewisse Ermüdung zeigte: Zuviel Indie auf einem Haufen. Dafür bekam das Publikum aber auch viel anderes zu sehen und hören, sodass man den kleinen Durchhänger leicht verschmerzen konnte.
Der Samstag wurde auf der Außenbühne von den Tin Trees eröffnet. Bis vor Kurzem war die Band noch unter dem Namen Superdisco bekannt und konnte sich im Voting auf regioactive.de den Platz auf dem Maifeld Derby sichern. Rein technisch gesehen auch zurecht, denn ihre Musik, die etwas an die Foals erinnert, konnten sie sauber auf die Bühne bringen. Vielleicht auch, weil am frühen Nachmittag wie am Vortag abermals erst wenig Publikum anwesend war, geriet der Auftritt ansonsten aber recht blutleer. Ob die Band mehr kann, müssten sie noch einmal vor einer größeren Menge beweisen. The Hirsch Effekt hingegen gingen danach in die Vollen. Die Hannoveraner singen auf Deutsch, musikalisch geht es wild her. Vergleiche mit der amerikanischen Metalband Mastodon und den seligen McLusky lassen sich ziehen. Man schrie, man sang, man haute dem Publikum grandiosen Gitarrenkrach um die Ohren. Es war eine wahre Freude.
Aus anderer musikalischer Richtung ging es danach im Zirkuszelt mit Fnessnej ähnlich verrückt weiter. Die vier Darmstädter machen elektronische Musik und das im wahrsten Sinne des Wortes. Den Commodore 64 hörte man live förmlich piepen, die Klangästhetik der japanischen Electro-Pioniere Yellow Magic Orchestra nachhallen. Auch wenn die Band keinen C64, sondern einen C128D benutzte. Nachhören ist Pflicht:
Auf dem Parcour d'amour folgte nun die "Überraschung" am Samstag: Wallis Bird, die vor Beginn sichtlich mit dem Sound zu kämpfen hatte. Nach einem längeren Soundcheck, den sie auch nutzte, um sich mit dem Publikum zu unterhalten, ging es dann aber los. Schnell wurde klar, dass ihr Auftritt vom Abend zuvor kein Einzelstück war, auch am Samstag ließ sich das Publikum schnell begeistern. Weiter ging es mit David Lemaitre. Die Musik des chilenischen Bolivianers erinnerte an The Late Call, hatte aber trotzdem ihren eigenen Charme. Sein Drummer schlug auf einen alten Koffer ein, dazu sang Lemaitre über Jacque Cousteau. Die Streicher von Katzenjammer fanden sich im Kontrabass von Philipp Thimm wieder, der daneben auch noch Ukulele und Bass spielte. Alles klang leise und leicht, passend zum sonnigen Spätnachmittag. Es folgten Mikroboy und ABBY. Leider erreichte das Festival mit dem Auftritt der beiden Bands einen kleinen Tiefpunkt. Das lag nicht an der Qualität der Bands. Aber mit zwei Stunden relativ ähnlich klingender Indiemusik taten sich die Veranstalter keinen Gefallen. Auch die eigentlich schon altehrwürdigen Slut, die danach spielten, konnten das Ruder nicht herumreißen. Ihr Auftritt war technisch ebenfalls wieder perfekt, nach kurzer Zeit stellt sich aber auch hier Langweile ein: Die Gleichförmigkeit der Musik war ermüdend.
"Guten Abend, we are 31 Knots": Die Band aus Portland versprach einen Aufbruch. In der englischen Wikipedia kann man nachlesen, dass die Band schwierig zu kategorisieren sei. Auf dem Maifeld Derby bestätigte sich dieser Eindruck. Zwar konnte man verschiedene Einflüsse heraushören, die Progressiv-Rocker von King Crimson beispielsweise, aber einordnen war und ist trotzdem schwer. Insgesamt wäre es auch einfach auch zu schade, die Band um Joe Haege in eine langweilige Schublade zu stecken. Die Musik ist zu vielfältig, die Bühnenshow auf dem Maifeld Derby zu verrückt. Schon der Beginn mit dem Song City of Dust zeigte das: Spoken Word wurde dargeboten, dazu ausufernde Samples und ein lautes Schlagzeug. Später kamen die oben genannten King Crimson Einflüsse dazu, das Schlagzeug wurde noch lauter und die Übersicht ging ganz flöten. Zu allem Überfluss zog sich Haege direkt auf der Bühne um oder samplete die drei Sätze: "Danke sehr, vielen Dank. Seriously, i mean it. This is the last show of our tour." Diese legte er dann übereinander, nur um sie mit extremer Lautstärke aufs Publikum loszulassen. Am Ende hörte man zum ersten Mal an diesem Tag Zugaberufe aus dem Publikum.
Wie am Vortag war etwas Ruhe jetzt bitter nötig. Dies dachten sich auch die Veranstalter und zeigten nach dem Auftritt von 31 Knots auf der Parcour d'amour-Bühne Kurzfilme und Musikvideos. Zusammengestellt wurden diese vom Regisseur Philipp Käßbohrer, es entstand ein Mix aus eigenen und fremden Arbeiten. So lief beispielsweise der Kurzfilm "1L Wodka", in dem Rolf und Marten zusammen am Küchentisch sitzen und Wodka trinken. Für Rolf beginnt am nächsten Tag ein neuer Lebensabschnitt, Marten will aber eher über anderes reden, was am Ende zu komischen Szenen führt. Regie führte bei diesem Film Arved Lindau, auf dessen Internetseite man den Film auch ansehen kann. Danach hatten Get Well Soon, wie Wallis Bird am Tag zuvor, ebenfalls ein Heimspiel. Im Gegensatz zu anderen Auftritten tat der Musik der Band um Konstantin Gropper das Dunkel der Nacht und die Atmosphäre im Zelt sehr gut. Zum Schluss des Auftritts kam die auf dem Maifeld Derby omnipräsente Wallis Bird auch noch einmal auf die Bühne und sang beim Refrain des Songs If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting lautstark mit: "Shoot Baby! Shoot! Baby, pull the trigger!" Das Publikum im Zelt, vorher schon beeindruckt, tobte. Die Ehre der Indiemusik war wieder hergestellt.
Die darauf folgenden Hundreds bestehen eigentlich aus dem Geschwisterpaar Eva und Philipp Milner, für den Auftritt im Zirkuszelt des Maifeld Derbys brachte man aber noch zwei weitere Musiker mit. Die Hamburger spielten bereits auf dem SXSW-Festival in den USA, wohl das wichtigste Festival der Welt für neue und unabhängige Musik. Zurecht muss man sagen, denn wie Eva Milner zu Beginn des Auftritts aus dem Nebel erschien, jagte Gänsehaut ein. Mit einer Kapuze über dem Kopf wirkte sie wie Rotkäppchen oder der Tod, beides war auf seine Art schaurig. Die elektronische Musik der Band, unterstützt von einem Piano, das alles etwas erdet, passte perfekt. Nachzuhören auch auf der Seite der Band.
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