who is arcade fire? Arcade Fire: Ihr Kurzfilm "Scenes From The Suburbs" auf der Berlinale
Scenes From The Suburbs, © Eric Kayne

Arcade Fire auf der Pressekonferenz zu "Scenes From The Suburbs" in Berlin
Foto: Marcel Benoit"Wie ist das Wetter in Montreal?" fragt Win Butler. Er will nach Hause. Zurück nach Quebec, zurück in die zweitgrößte Stadt, in der primär Französisch gesprochen wird. Vom Jetlag und dem Trubel der letzten Tage geplagt sitzen Win Butler, seine Frau Régine Chassagne und Will Butler auf dem Podium der kanadischen Botschaft, um Fragen zu beantworten, oder besser: zu erdulden. Fragen zu ihrem 30-Minüter Scenes From The Suburbs sollen es sein, eigentlich. Doch an diesem Abend – das merkt man schon nach kurzer Zeit – wird es nicht um den Kurzfilm gehen; zu groß ist die Aufmerksamkeit, die der Band auch hier auf der Berlinale aus anderen Gründen zuteil wird. Arcade Fire haben gerade zwei der größten Musikpreise gewonnen: den Grammy (Album des Jahres) und den Brit Award (Beste Band/ Bestes Album international). Von Los Angeles aus über London nach Berlin: Die Erschöpfung des Reisens sieht man den Dreien an. Und obwohl Arcade Fire schon vor ausverkauftem Haus im Madison Square Garden spielten und mit ihrem dritten Studioalbum The Suburbs (Rezension) die höchste Chartposition in den USA belegen konnten, ist auf Google eine der meistgesuchten Fragen in diesen Tagen: "Who is Arcade Fire?"

Scenes From The Suburbs
Foto: Eric KayneViel wichtiger wäre jedoch zu klären: Was sind sie nun, die Scenes From The Suburbs? Auf dem Poster der Berlinale prangt ein überdimensionales "B". Ein "B" wie das "S" eines Superhelden. Im Film von Arcade Fire und Spike Jonze ist von Superhelden ganz gewiss keine Spur. Im Fokus stehen Kleinstadtantihelden und eine sich in Auflösung befindende Freundschaft im klassischen Suburbia, in dem der Status dort höher ist, wo der Rasen vor dem Haus kürzer ist. Es herrscht eine seltsam erdrückende Stimmung in diesem Vorort, der wie ein Satellitenstaat einen fremden Planeten umkreist. Krieg der Welten? Planet der Affen? Die Science-Fiction-Bezüge sind gar nicht so abwegig, wie sie zunächst scheinen. Die Präsenz des Militärs und der Polizei, die ständig sichtbaren Waffen und umherkreisende Hubschrauber schaffen eine Klaustrophobie unter freiem Himmel. "Als wir noch Kinder waren, war Terry Gilliam unser Held. Wir schauten auch viel Science-Fiction und 80er-Jahre-B-Movies, allerdings nur bis zur Hälfte, weil wir zu jung waren, um auf zu bleiben. Deshalb orientiert sich unser Film am B-Movie-Genre und hat einen Episodencharakter", sagt Win Butler. "Ja, Terry Gilliam war eine wichtige Referenz für Scenes From The Suburbs", fügt sein Bruder Will hinzu. Und sagt etwas später noch: "Wir wären wohl Filmemacher geworden, wenn es nicht um ein Vielfaches teurer gewesen wäre als das Musikmachen."

Arcade Fire auf der Pressekonferenz zu "Scenes From The Suburbs" in Berlin
Foto: Marcel Benoit"Growing apart" heißt das zentrale Thema des Films, das Auseinanderwachsen. Ein biologischer Prozess, der auf die emotionale Ebene übertragen wird, der gerade deshalb niemandem seltsam erscheint, weil es wohl niemanden gibt, der nicht einmal zur Erkenntnis kommen musste, dass Beziehungen – welcher Art auch immer – voneinander abzweigen können oder sogar müssen, um die Adoleszenz hinter sich zu lassen. Ganz so sehr nach B-Movie, wie Win Butler behauptet, sieht Scenes From The Suburbs nicht aus, und dafür hat Regisseur Spike Jonze gesorgt, der sich für etliche Musikvideos der vergangenen zwanzig Jahre verantwortlich zeichnet und mittlerweile, was das Budget angeht, mit einer höheren Klasse fährt (Wo die wilden Kerle wohnen hatte ein Budget von 100 Millionen Dollar). Es habe Jonze aber umso mehr motiviert, mit Amateuren zu arbeiten, gibt Will Butler zu Protokoll, und meint nicht nur sich selbst und seinen Bruder Win (die beide mit Jonze am Drehbuch mitwirkten), sondern auch die Darsteller.
Leider können an diesem Abend außer zu drei Standardfragen keine weiteren zum Film beantwortet werden – da es keine weiteren interessanten gibt. Ein Großteil der anwesenden Journalisten verwirkt sich die Legitimation, diese Berufsbezeichnung weiterhin zu führen, wenn augenscheinlich wird, wie peripher nicht nur an dem präsentierten Film und an der Musik, sondern auch an der Band vorbeigefragt wird. Es ist eine seltsame Schmonzette und ein Dramolett zugleich, was die pressekonferenzgestandene Verfasserin beobachten muss, als die "Kollegen" den Akteuren Arcade Fire ernsthaft Antworten entlocken wollen auf Fragen zu Lady Gaga und Madonna, Kroatien, dem untergehenden Musikfernsehen in der Schweiz, dem nächsten Album (das nicht ferner in der Zukunft liegen könnte) – und was die Band denn eigentlich den Amerikanern damit sagen wollte, als sie sich bei den Grammys vor allem bei der Stadt Montreal bedankte. Arcade Fire waren oftmals amüsiert angesichts der Absurdität und wussten nicht recht, wie sie antworten sollten. Zumindest bei einer unabsichtlich falsch formulierten Frage, welche Art Kino sie mögen würden (gemeint war: welche Art Filme), konnten sie auf ihren Humor zurückgreifen: "Klimatisiert, mit großen gemütlichen Sesseln".