Events wie das Open Sounds stellen große Anforderungen an die Entscheidungsfreiheit des Publikums und sein Schuhwerk. Mehr als drei bis vier Locations mitzukriegen ist unrealistisch, und den Mix zwischen machbarer Route, interessanten Plätzen und guter Musik zu treffen, ist hartes Brot. Für regioactive ging's mit einigen Zwischenetappen vom Herschelbad übers Genesis bis zur S.U.I.T.E und zurück ins Soho.

 

Strukturelle Zwänge führen uns zunächst nach Heidelberg, wo wir den Abend musikalisch am Hauptbahnhof mit Brand New Jersey beginnen wollen. Die Annahme, dass die Bands dort in der Halle des Hauptbahnhofs, wo jeder Pendler vorbei muss, spielen würden, wurde allerdings enttäuscht. Die Bühne fand sich im hintersten Eck im Raucherbereich, immerhin überdacht aber doch leicht zugig. Da der Platz nicht wirklich zum Warten einlud ging's direkt zurück nach Mannheim.

Dort starten wir im Herschelbad, Café del Aqua mit den Synchronschwimmerinnen des VWM Mannheim. Eine Schlange vorm Eingang zeigt, dass wir nicht die Einzigen sind, aber dann doch flotter Einlass und direkter Start der Schwimmerinnen. Ein gutes Opening für diese lange Nacht, relaxed und atmosphärisch, Musik des französischen DJs Raphael Marrioneau, Lichtinstallationen, die Schwimmerinnen zeigen im illuminierten Becken in der fantastischen Herschelbad-Kuppelhalle was es braucht Deutscher Meister zu sein – in dem Fall vor allem, dass es völlig unangestrengt wirkt. Stilvoll, und sicher eine gute Werbung für das vom Rotstift bedrohte Jugendstil-Bad.

Zeit für Musik, und das Timing passt: Kaum im Genesis, legt Norbert Schwefel mit Band los. Und die ist kein Pappenstiel: Begleitet von Thomas Hinkel (Evolver) an Knöpfchen und Tasten, Tara G. Zintel (Space Hobos, Surf) an den Drums und Christl Marley ( Mardi Gras.bb) am Bass gibt es einen dichten, psychedelische Einstieg. Mannheims Underground-Altmeister zeigt im engen Genesis wo Bartel den Most holt. Das Material von Schwefels großem diesjährigen Wurf "Mystifier" wird mit Stücken aus allen Schaffensphasen – auch schon fast 20 Jahre – vermischt, und kein Stück klingt in irgend einer Form von gestern. Schwefel schafft es, von Krautrock über Wave bis zu Elektro-Sounds so ziemlich alles in seine Musik einfliesen zu lassen, was die letzten 30 Jahre unter Underground verstanden wurde. Die Stücke werden ausgereizt ohne Länge zu kriegen und leben im ersten Set großteils von Schwefels Gitarre und Tara G. Zintels treibendem Beat. Eins ist mir klar, der musikalische Höhepunkt des Abends ist bereits konkurrenzlos erreicht, wenn's danach ginge wäre das Genesis zweite Station und Endziel. Aber es ist Open Sound, und so kann ich mich auf Schwefels Konzert am 14.11 in LU-Oppau im Blockhaus vertrösten und das Geschehen in der Hälfte des zweiten Sets (von dreien) verlassen.

Für Stadtranderholung im Bootshaus reicht es nicht mehr (so ist es halt, beim Open Sound, nicht anders als im richtigen Leben: Wenn' s drauf ankommt, sind die Bahnen weg und die Busse fahren in die falsche Richtung). Macht nix, die Musikschule ist mit ihrem Indie / Punk-Programm gleich um die Ecke. Dort sind Baxter auf der Bühne, und das heißt Punk von der schnellen Sorte und zahlreiche Hüpfdohlen vor der Bühne. Schnörkel gibt's woanders, hier eher direkt auf die Zwölf, beim Weitergehen bläst uns der Sound von Breach rockig in den Rücken. Viel versprechend, aber man kann nicht überall gleichzeitig sein.

Zwischenetappe: Die Bar im Stadthaus, Live-Musik ist aber gerade Fehlanzeige, für das noch zahlreich anwesende Publikum gibt's die Funk Soul Revival Party mit den DJs Lelo und Tortelini. Sieht gut aus, weitermachen, wir tun das auch, und zwar Richtung Hauptbahnhof zu The S.U.I.T.E. Im Hauptbahnhof selbst spielen die Sax Angels, anders als in HD direkt in der Haupthalle. Angekündigt als die erotischste Mini-Bigband der Welt – und da will ich nicht widersprechen – bringen die Mädels um Christoph Krzeslack bekanntes Sax-Material à la Pink Panther unters Volk. Die Angels, selbst ein Walking Act, der ohne weiteres Equipment auskommt, passen gut in die Fernweh-Atmo und die Haupthalle bietet exzellente Akustik für ein Saxophon-Quartett.

Der Uhrzeit gemäß sind wir reif für was elektronisches: The S.U.I.T.E. Die Bundesbahnkantine ist mit Sinn fürs Detail dekoriert, wie das von den Bionic Art-Leuten um Toddi, der uns in der Vergangenheit schon manch nettes Plätzchen zum feiern bescherte, nicht anders zu erwarten war. Musikalisch geht's nach Goa, fürs Auge sorgen unter anderem drei Stelzenläufer, ausstaffiert á la sixties Funk, wundern tut sich darüber keiner, für gute Stimmung sorgt der Durchmarsch quasi im Vorbeigehen. Das Publikum macht den Eindruck als würde es noch so 24 Stunden weiterfeiern wollen, was ihm gegönnt sei. Wir sind allerdings "am arbeiten" und beschließen, die Nacht im Soho bei der Toptrax-Night ausklingen zu lassen.

Wir erwischen mit die letzte Bahn, ziemlich leer, und hören eine wohlbekannte Stimme, die gerade Flyer anpreist: The Groove Guerrilla is in da train! Nicole Hadfield, in letzter Zeit des Öfteren als Mannheims zukünftiger Exportschlager apostrophiert, hat, nachdem sie als Frontfrau der Groove Guerrilla zwischen Flames und Mardi Gras.bb die Heidelberger Stadthalle gerockt hat, noch genug überschüssige Energie um um 3.15 bestens gelaunt Flyer in der MVV zu verteilen. Hut ab, der Gig war cool, was wir ihr ohne weiteres glauben, und da wir es ebenso wie sie geschafft haben, in die Bembel in die falsche Richtung einzusteigen, haben wir beim Fußweg vom Tattershal bis zum Wasserturm genug Zeit, das zu erörtern. Eine Episode, die deutlich beweist, dass man um die Groove Guerrilla momentan beim besten Willen nicht herumkommt.

Abschluss im gut gefüllten Soho wo entspannt zu progressiv-tribalen House-Klängen gegroovt und geloungt wird. Viele bekannte Gesichter, der Kreis um das Open Sound.03 schließt sich damit, Kompliment an die Veranstalter, Artists und Locations, solche Abende wünscht man sich öfter, auch wenn dann ein bis zwei paar Schuhsohlen mehr im Jahr fällig wären.

Gerald Merkel

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