Braucht man zukünftig ein Diplom, um Popmusik zu machen? Befruchtet die Popakademie die hiesige Musikszene oder wird sie sich um sich selbst drehen? Wird Mannheim zum Mekka des Musikbusiness, zum New Orleans des Pop? Müssen sich Berlin, Köln und Hamburg warm anziehen? Oder alles nur heiße Luft?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Sicher ist, ab jetzt wird in Mannheim, der Hochburg der Wirtschaftswissenschaften, die Kunst der leichten Muse gelehrt. In Verbindung mit Wirtschaft, das immerhin. Aber letztlich bleibt ein Studiengang, der zum Popmusiker bzw. zu allem möglichen drum herum ausbildet. Es gibt ja schon ein paar Leute, die sich Popmusiker schimpfen, und die haben kein solches Diplom. Was ist dann mit denen, später? Wird das so werden wie zu der Zeit als man plötzlich Abitur gebraucht hat, um eine Lehrstelle als Bankkaufmann zu bekommen? Dann wäre ja jemand wie Xavier Naidoo, der sich ziemlich stramm für die ganze Geschichte gemacht hat, plötzlich in der dummen Lage sich wieder nach einer Stelle als Türsteher umsehen zu müssen. Schwierig, das Milk ist mittlerweile Geschichte … Stattdessen ist Naidoo, der gar kein Diplom hat, Dozent an der Pop-Akademie. An den Hochschulen schwer vorstellbar, was den Verdacht nahe legt, dass das mit dem Diplom dann doch nicht gar so wichtig ist.
In erster Linie entsteht die Popakademie aus wirtschaftlichen Überlegungen der Stadt Mannheim und des Landes Baden-Württemberg. Und das ist gar nicht mal schlecht eingefädelt bislang: Der Mannheimer Stadtteil Jungbusch, ein strukturschwaches Gebiet, mit dem sonst eh nicht mehr viel anzufangen ist und dessen seltsamer Multi-Kulti-Charme am ehesten für Filmszenerien und Musiker, also neurotische Künstlernaturen, geeignet scheint. Mit denen, rein wirtschaftlich gesehen, ja auch nicht gut Kirschen essen ist. Das passt also. Hinzu kommt, nicht ganz unentscheidend, der leckere Topf mit EU-Subventionen. Ob es zu Firmenansiedlungen etc kommt, bleibt abzuwarten, aber warum nicht, erste Schritte sind gemacht und Erfahrungen mit ähnlichen Institutionen zeigen, dass 30-40 % der Absolventen in der Region hängen bleiben. Und Mannheim und Region haben ihren Charme, sonst wären wir doch alle nicht hier, oder?
Die Gründe für die Musikindustrie in ihren angeblich schwersten Zeiten in eine Akademie zu investieren, sind schwerer durchschaubar. Anspruch der Popakademie ist es, ein Gegenentwurf zu den zahlreichen "Auf der Suche nach dem Superspacko"-Ablegern zu werden. Welche letztendlich vom Musikbusiness initiiert werden. Aber dass diese Schiene nicht ewig funktioniert und die Probleme (zusammenbrechende Umsätze, zumindest gemessen an den fetten Jahren davor, verursacht durch böswillige bis schwerkriminelle Konsumenten) dann immer noch da sind, wird gewusst. In der Vergangenheit kam immer dann, wenn die Plattenriesen und ihre Künstler träge und unerträglich kommerziell wurden, ein großer Knall. In den 70ern war das Punk, in den 90ern das was dann Grunge getauft wurde und Techno. Natürlich hat es die Industrie stets geschafft, diese Eruptionen früher oder später unter ihre kommerzielle Kontrolle zu bekommen. Aber erst mal war man überrascht. Und das kostet Geld. Akademien bieten da doch eine praktikable Möglichkeit Kreativität frühzeitig auf Linie zu bringen, Trends mitzubestimmen und sich vor betriebwirtschaftlichen Folgeschäden von zuviel ungebändigter Jugendkultur zu schützen. Also zu kanalisieren, effizient zu optimieren, Risiko zu minimieren. Nur so eine Idee …
Inwieweit das Ganze für die örtliche Musikszene insgesamt befruchtend sein kann, ist eine der spannendsten Fragen an der ganzen Geschichte. Es wird sich zeigen, ob Musikpark und Popakademie als mehr oder weniger in sich geschlossene Systeme agieren und es dadurch für Musiker aus der Region, die kein Diplom anstreben, noch schwieriger wird, ein Bein ins Business zu kriegen. Der denkbar schlechteste Fall. Hinzu könnte noch Buhlerei um die raren Auftrittsmöglichkeiten kommen. Die Ankündigung Professor Dahmens, dass Zusammenarbeit mit Jason Wright von The Wright Thing bereits geplant ist, kann als Drohung oder mögliche Bereicherung verstanden werden. Zumal die Gesellschafter der Pop-Akademie rein durch die involvierten Medienunternehmen eine beachtliche Werbemacht darstellen. Airplay und äußerst positive Berichterstattung in der örtlichen Tagespresse wage ich in jedem Fall vorherzusagen. Ein Punkt, der sicher auch für Universal Music eine Rolle gespielt hat.
Es könnte allerdings auch vieles leichter werden, weil der Student und zukünftig diplomierte Manager von der Popakademie (der Dipl. Kand. Pop also), der Vertreter der Plattenfirma X, der Besitzer des Tonstudios Y zukünftig das Mannheimer Nachtleben bevölkern, auch mal die Band Z außerhalb der Akademie zu sehen kriegen und sich geschäftliche Einstiege beim Bier in der Kneipe halt doch besser bequatschen lassen als beim Telefonat in die Hauptstadt oder per Email. Sollte das mangelnde Diplom der Band Z dann doch ein Problem darstellen, wäre die Vergabe von Ehrendoktortiteln ratsam.
Was wird an der Popakademie für die Studenten geboten? Der Studiengang Musikbusiness, ok, da ist Ausbildung vielleicht wirklich nicht schlecht. Zumal in engem Kontakt mit Musikern (das Grundstudium wird in etwa deckungsgleich für beide Studiengänge sein). Denn nimmt man die Aussagen Dirk Metzgers, Geschäftsführer und Studiengangsleiter Musikbusiness, zum Grußwort des Eröffnungsfestaktes, der Musik durchaus branchentypisch als Produkt bezeichnete und mangelnde Qualifizierung im Musikbusiness ansprach, dann kann man sich schon fragen, ob Musik als Produkt zu bezeichnen, nicht schon eine sprachliche Unart ist, die entsprechendes Denken und Handeln nach sich zieht. Und hinterher wird dann im Zusammenhang mit MP3's und gebrannten CDs gejammert, dass die Jugend (Konsumenten, Verwerter, Endabnehmer, Verbraucher) Musik als Wegwerfprodukt sehen, für das sie keine Unsummen zu zahlen bereit sind. Also ran an den Speck, vielleicht helfen die Künstlernaturen vom Studiengang Popmusikdesign (so heißt das Pop studieren offiziell) im Auge zu behalten, um was es bei der ganzen Chose eigentlich gehen sollte.
Und wie steht's mit Popmusik studieren? Da kann man wirklich geteilter Meinung sein. Außer Freude am Musik machen selbst und der Motivation, die Norbert Schwefel in der Sonderausgabe des MM so treffend formulierte (der Grund für alles Streben, für Musik aber ganz besonders: Der Paarungstrieb), erinnere ich mich noch an eine andere schöne Entdeckung in Verbindung mit dem Musizieren: Sein ureigenes Ding zu machen: Keine Schule, keine Eltern, kein verdammter Verein, vor allem auch kein Zwang all das machen zu müssen. Alles was man mit dem Haufen Kumpels im Proberaum und später auf der Bühne hinbekam gehörte einem ganz allein. Und für ähnliches Tun soll es jetzt also Diplome, staatlich anerkannte, geben? Nun waren allerdings auch alle Fehler, die man machte, die ureigenen. Und so eine Akademie kann ein Ort sein, an dem man lernt, diese zu vermeiden. Ein anderer Aspekt ist die Möglichkeit, voll und ganz auf Musik zu setzen, wo man hierzulande ja bestens den ambitionierten Halb-Musiker kennt. Da es ja (noch) möglich ist so ziemlich umsonst zu studieren und dabei sozial abgesichert zu sein – was auch gut so ist – kennen wir doch alle den Typus halber Musiker, halber Student. Eine Entscheidungsfreiheit, die man in den USA in dieser Form nicht hat, als Folge kommen die krasseren Rockbands genauso wie die krasseren Gangster, Roadies, Dealer und Junkies von dort. In Deutschland besteht vor allem die Gefahr, dass man weder Studium noch Musik so betreibt wie man es eigentlich könnte, und dann bei Umschulungen, in Taxen oder bei tingelnden Coverbands landet. Studienangebote wie sie die Popakademie bietet, können jedenfalls ein Weg aus dieser Falle sein.
Judith Holofernes, Frontfrau von Wir sind Helden, sieht die Beratung, die die Band durch den Kontaktstudiengang Popularmusik in Hamburg erhielt, äußerst positiv, insbesondere in der Person Prof. Dahmens. "Auf musikalischer Seite sollte man natürlich versuchen, seine Naivität zu behalten, aber sonst nutzt Naivität nur den Leuten, die einem schlechte Verträge unterjubeln wollen." Dass man sich als Musiker nicht aus geschäftlichen Dingen heraushalten sollte, ist auch von Mannheims Underground-Meister Norbert Schwefel, wie gesagt eher Vertreter der animalischen denn der akademischen Sicht der Popmusik, zu erfahren.
Entscheidend ist letztlich, was die Studenten dieser Akademie aus ihrer Zeit dort machen und wie viel Gelegenheit sie haben, das zu entscheiden. Eigenständigkeit will zäh verteidigt sein, aber wenn ein paar Tricks und Schliche, sprich Handwerk hinzukommen, ist das weiß Gott kein Fehler. Die Gefahr glatt gebügelt zu werden, ist hier der direkte Nachbar. Professor Udo Dahmens Motto "Die Avantgarde von heute ist der Mainstream von morgen" klingt schon mal nicht schlecht und ist ein weiterer Gradmesser für das Treiben der Akademie. Da lass' ich mich gerne überraschen, was die Justin Nova Band, die den musikalischen Auftakt des Festaktes machte, allerdings nicht hinbekam. Die Jungs boten das, was von der Pop-Akademie am ehesten zu erwarten ist: Sehr gut gemachten Pop, liebevoll gesongwritet, brav dargeboten. Sicher gar nicht schlecht, und von dem, was man so aus Castingshows und Charts kennt, Lichtjahre entfernt, aber die Umsetzung von Prof. Dahmens Motto stelle ich mir dann doch anders vor.
Wie man auch zu dem ganzen Thema stehen mag, Tatsache ist, dass die Akademie jetzt da ist, und so schnell auch nicht verschwinden wird. Und es ist mittelfristig davon auszugehen, dass sie das Leben der Musiklandschaft in der Region beeinflussen wird. Also kann man mit Spannung Richtung Jungbusch schauen, mal sehen, ob der Stadtteil zum New Orleans des Pop mutiert. Verdient hätte er's ja.
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