Mag dieser Tage nicht besonders originell sein, was Sänger Aydo Abay da während des Blackmail-Gigs von sich gab, fasst das Taubertal Open Air (07.-09. August) aber bündig zusammen. Die Headline "Heiß und staubig" für's Southside wurde jedenfalls zu früh vergeben. Trotzdem war's die Reise wert, wenn's auch tagsüber lethargischer als gewohnt zuging. Das Programm bunt gemischt, wie an den Headlinern HIM, Seeed und Farin Urlaub gut abzulesen ist. Auf einer Nebenbühne fand wieder das Finale des Emergenza-Bandwettbewerbs statt, Bericht etc. hierüber folgen.

Farin UrlaubFarin Urlaub
Eigentlich geht's ja gar nicht übers Wetter zu reden, aber wenn man Freitags gegen Abend, nach dreistündiger Hitzefahrt auf dem Zeltplatz ankommt, nach Zeltaufbau direkt ein Unwetter übers Gelände tobt und die Hälfte aller Zelte abräumt, meins zwar hält, aber die Zeltstange bricht, frisch Angekommene nach 15 Minuten so verwatzt aussehen wie nach drei Tagen Festival, man nach einer weiteren Viertelstunde wieder schwitzt als ob's kein morgen gäbe, dann sollte das doch erwähnt sein. Wir leiden für unsere Arbeit! Ansonsten wirkt ein um den Kopf gebundenes nasses Handtuch Wunder, und an dieser Stelle einen Gruß an die Reisegruppe mit dem Pavillon und den selbstkühlenden – größter Quantensprung der Zivilisationsgeschichte seit Mondlandung und sowieso - Bierfässern. So geht Rock'n'Roll auch in der fränkischen Sahara.

Das Taubertal Festival ansonsten wie gehabt: Drei Tage lang malerische Kullise mit Rothenburgs altem Gemäuer als direktem Hintergrund, ausverkauft, die Tauber lauschig plätschernd links, eine schattige Naturtribüne rechts, Buss Shuttle, fränkisches Volk in der Mehrheit (sie können feiern und singen, diese Franken), mit 30 000 Besuchern nicht zu groß und nicht zu klein. Stages: Neben der Hauptbühne direkt auf dem Gelände, im Wechsel mit deren Programm, die Emergenza Bühne und außer dem eigentlichen Konzertgelände noch eine Zeltbühne. Für alle, die nie genug kriegen können, gibt's auf den beiden Zeltplätzen (einer ohne Autos, einer mit – dafür steiler Berg aber manchmal Bus Shuttle) reichlich Gelegenheit sich das Wochenende so richtig um die Ohren zu schlagen.

Die Bands

Die Auswahl der gesichteten Bands war zugegebenermaßen hitzebedingt nicht allzu groß. Der Freitag fiel wegen der diversen oben beschriebenen Umständen für uns musikalisch fast komplett aus, HIM war natürlich ein Abräumer für die, die's mögen, auf der Zeltbühne gab's mit der Terrorgruppe altbewährten Punkrock.

Samstags gegen fünf Uhr war Blackmail die Einstiegsdroge. Die Band wird gern mit Stoner Rock klassifiziert und dieser unter anderem mit heißem Wüstenwind assoziiert. So gesehen waren die Jungs genau zur rechten Zeit am rechten Ort. Bis auf den Hügel lag das gesamte Gelände einschließlich Bühne in der prallen Mittagssonne. Dementsprechend tummelten sich auch nur ca. 40 Unentwegte direkt vor der Bühne, das Areal ansonsten leergefegt und nur der Hang bis zum letzten Platz besetzt, ein skurriler Open Air-Anblick. Gerockt wurde soweit bei der Hitze möglich, manchmal ist's eben ein Knochenjob, Respekt dafür. Nachdem die Jungs schon beim Southside Sonntags um 11.30 einen undankbaren Zeitplan hatten, bin ich freudiger Erwartung sie am 24. 08. im Cafe Central unter natürlichen Bedingungen zu erleben.

Danach war Hans Söllner angesagt, und das Bild änderte sich gewaltig. Schatten und Menschenmassen kamen aufs Gelände, kein Wunder, auch wenn die Fronken kane Bayern san, den Söllner und sein Bayaman Sissdem nehmen's mit – quasi ein Heimspiel. Mit Söllner ist das so eine Sache: Der Mann erzählt einem Publikum, das mehrheitlich mit ihm einer Meinung ist, was es hören will und eh schon weiß, und vor allem liefert er bekanntermaßen jedem Kiffer, der selbst zu träge und zu stoned ist, Weisheiten und Sprüche zur Materie. Nicht jedermanns Ding, auch wenn's fast immer passt und unterhaltsam ist. Schön und gut, an so einem Sommertag, vor einem dermaßen gut aufgelegten Publikum - und auch da er mit Bayaman Sissdem mehr Musi macht als schwätzt - muß und will ich Abbitte tun. Wenn Söllner gegen den Staat wettert, sein Lieblingskraut besingt, vor allem aber wenn er zum Abschluss mit "Liaba Gott, i dank dir sche" sich bei diesem für sich selbst und das ganze Drumherum bedankt: Gänsehaut! Weitermachen Hans, ich seh' ein, dass einer den Job tun muss.

Den Samstag beendeten Seeed auf der Hauptbühne. Das dritte Mal, das ich die Berliner diesen Sommer auf einem Open Air bewundern durfte, jedesmal als Hauptact, jedesmal ein Hammer. Dancehall-Ragga auf berlinerisch rules, da bleibt kein Auge trocken und kein Hinterteil im Ruhezustand. Die Sommer-Sieger, kompatibel für jedes Festival, fast egal wo die sonstigen musikalischen Vorlieben liegen. Wie man die Platten findet, spielt keine Rolle, wenn Seeed in eurer Nähe sind: Hingehen, feiern, gute Laune saugen!

Und als ob' für den Abend nicht gereicht hätte, passte das Timing um im direkten Anschluss noch die zweite Hälfte des Miles-Gigs auf der Sound of Nature-Bühne zu genießen. Fulminanter Auftritt, zuckersüße Popmelodien mit fetten Indie-Gitarren-Brettern, die Band euphorisch, das Publikum nicht minder – Finale Virtuoso.

Der Sonntag war bestimmt durch Schwächeanfälle, Emergenza und Farin Urlaub. Letzterer war mit seinem Racing Team unterwegs, bestehend aus dem Bläsersatz der Busters und einer Horde Musikantinnen und Sängerinnen – ausnahmslos jede zum Niederknien, Farin weiß, was er sich und seinem Ruf schuldig ist. Die Abgrenzung zu den Ärzten gelingt, nicht nur auf Grund der holden Weiblichkeit, die letztlich doch ein erfreulicherer Anblick ist, als Bela B. Gesang, Texte und Songwriting sind natürlich immer typisch Farin, aber vor allem die Bläser machen das Ganze Ska-lastig und sommerlicher, und nach eher beschaulichem Start wickelt das Racing Team das Taubertal locker um den Finger. Mit der Fähigkeit Texte abzuliefern, die von Pubertät bis Midlife-Crisis funktionieren und dabei immer auf den Punkt treffen und amüsieren, steht Farin Urlaub ganz allein auf weiter Flur. Dass ihm live zu spielen und das Publikum springen, grunzen und gröhlen zu lassen, immer noch einen Riesenspaß macht, ist bis in die letzte Reihe zu spüren, ein extrem gut gelaunter Ausklang eines gelungenen Festivals – groß!

Insgesamt lässt sich resümieren, dass man mit den Franken prima feiern kann, das Programm schön abgehangen war – vor allem der Samstag war extrem gut geshaked – und im Nachhinein betrachtet, auch wenn's Zufall war: Die Musik, über die hier berichtet wurde, ist durch die Bank Inlandsprodukt. Geht doch. Wem Rock am Ring zu arg ist und das Southside zu lasch, der findet in Rothenburg die passende Schnittmenge.

Gerald Merkel

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