zweite chance für die kanadier

The Acorn und Snowblink live im Heidelberger Karlstorbahnhof

Review/Bericht vom 17.11.2010 | Autor: Stefan Berndt

Tags: The Acorn   Snowblink  

Fünf Monate sind seit der vernichtenden Kritik am nicht allzu berauschenden Konzert von The Acorn im Berliner Comet Club vergangen. Fünf Monate, in denen sich die Band von diesem Schock erholen und einmal durchatmen konnte. Haben sie seitdem jemals wieder den Proberaum betreten? Haben sie ihre Instrumente überhaupt noch einmal angefasst? Der Auftritt im Karlstorbahnhof musste es beweisen.

The AcornThe Acorn
© Kelp Records
Der zentrale Satz aus der Kritik zum letzten Konzert von The Acorn in Berlin sagt alles aus: "Nach einer Stunde Spielzeit blieb von den Stücken fast nichts hängen – außer einem karierten Hemd am Mikrofonständer." Die hochgeschätzte Kollegin war nicht begeistert, nicht einmal mehr das wunderschöne Misplaced konnte den Karren am Ende des Abends für die fünf Kanadier aus dem Dreck ziehen. Lag es aber wirklich an der Band? Oder doch an den äußeren Umständen? Sprich: War vielleicht die Atmosphäre der Hauptstadt an der Misere schuld? Es ist schließlich immer irgendwo etwas faul im Staate Dänemark. Das Konzert an einem leicht regnerischen Sonntag in Heidelberg sollte Aufklärung geben. Aber Halt! Zuallerst bitte den richtigen Eingang finden, denn im größeren Saal spielt an diesem Abend auch die schwedische Jazz-Sängerin Fredrika Stahl vor vollkommen ausverkauftem Haus. Vorbei an den Jazzfreunden also und auf zum kleineren, aber dafür auch gemütlicheren klub_k, in dem The Acorn mit ihrer Vorband Snowblink auftreten.

SnowblinkSnowblink
© Snowblink
Snowblink, das sind Daniela Gesundheit und Dan Goldman aus Toronto. Zusammen spielt das Duo hauchzarten Indiepop, nur von Gitarre und Bass getragen, dazu auch nur sehr behutsam gespielt, eigentlich sogar mehr gestreichelt. Hinzu kommen einige Glöckchen, die die Band zuvor im Publikum verteilt hat und immer wieder auf Zeichen erklingen lässt. Ach so, und am Bass von Frau Gesundheit ist ein kleines Geweih befestigt, was einfach mal so stehengelassen wird. Das Konzert im Karlstorbahnhof ist das erste der Band in Deutschland, weshalb es noch einmal doppelt schade ist, dass sich nur ungefähr 30 Leute hierher verirrt haben. Hinzu kommt, dass die beiden zusammen vorher so gut wie nicht proben konnten, da eine Etage tiefer vorher ein Kinofilm gezeigt wurde. Davon merkt man der verträumten Musik aber nichts an, weshalb in einer gerechten Welt eigentlich doppelt so viele Menschen hier hätten stehen sollen.

Um die Möglichkeiten des Internets zu nutzen und denjenigen, die nicht vor Ort waren oder bei einem kommenden Konzert vor Ort sein wollen, eine Orientierungshilfe zu Snowblink zu geben, hier noch einige Informationen: Zum einen hat das Duo mehrere schöne Lieder für die Daytrotter-Studios aufgenommen, die letzte Sitzung ist auf dieser Seite zu finden. Von dem etwas seltsamen Bild sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Weiterhin gibt es einige tolle bewegte Bilder von der Band, stellvertretend für das ganze schöne Material ein Link zu diesem Video. Schlussendlich sei aber auch die offizielle Seite erwähnt, die zwar etwas komisch aufgebaut ist, aber auch nochmal einiges hergibt. Seit dem 8. November ist auch ihr Album Long Live im Handel erhältlich – reinhören lohnt sich auf jeden Fall.

The AcornThe Acorn
© Jeff Garneau/Bella Union
Diese Empfehlung kann man auch für The Acorns aktuelles Album No Ghost aussprechen, das danach rauf und runter gespielt wird. Zu Beginn hat die Band aber Probleme mit den Monitorboxen, kann sich also selbst eher schlecht als recht hören. Nach einigen erfolglosen Versuchen, das Problem zu beseitigen, geht es mit On The Line los. Hätten sie doch nur noch etwas Zeit investiert! Der Song klingt eher wie das Werk einer zugegebenermaßen sehr guten Coverband, nicht wie das Original auf No Ghost. Auch bei den nächsten Stücken stellt sich noch keine richtige Eintracht ein, sogar Misplaced klingt leider etwas fehl am Platze. Das Problem gibt sich mit der Zeit, aber ein Eindruck bleibt: Am stärksten klingt die Band bei den ruhigen Songs, der Großteil der schnelleren Stücke klingt langweilig und austauschbar: Irgendwas fehlt dann leider doch.

Zwischen den Songs albert Sänger Rolf Klausener mit dem Publikum herum. Er hat ja nicht nur einen sehr deutsch klingenden Namen, was heutzutage wohl Mode bei kanadischen Künstlern ist, sondern auch einige Zeit in Heidelberg gewohnt. Das erzählt er ganz nebenbei und streut dazu immer wieder ein paar deutsche Worte in seine Anekdoten ein. Das Publikum freut sich. Zu der relativ kleinen Menge bei Snowblink sind zwar kaum Menschen hinzugekommen, aber so wirkt der Abend wie ein Wohnzimmerkonzert bei Freunden. Vielleicht auch ein Grund, warum sich The Acorn nach wenigen Liedern aus den technischen Problemen befreit haben und ihr Material so rüberbringen, wie es sein soll: ruhig, entspannt und friedlich. Im Endeffekt bleibt ein recht nettes Sonntagabend-Konzert ohne große Höhepunkte, aber auch ohne schlimme Patzer. Was ist also die Ursache für den Ausfall vor fünf Monaten? Es muss wohl die Berliner Luft gewesen sein.

Stefan Berndt

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