"wir spielen aus dem bauch heraus"

Perry O'Parson: Interview mit Sänger und Songwriter Marcel Gein

Interview vom 20.12.2010 | Autor: Lisa-Marie Schnell

Tags: Perry O'Parson  

Wenn Perry O'Parson zu ihren Instrumenten greifen, dann darf das Publikum gespannt sein. Die jungen Musiker rund um Marcel Gein zeigen, wie facettenreich und modern Folkmusik präsentiert werden kann. Ihre gefühlvollen und ausdrucksstarken Songs können sowohl berühren als auch ausgelassene Stimmung verbreiten, was Perry O'Parson nicht zuletzt auf ihrer neuesten EP "Borderline & Field" eindrucksvoll beweisen.

Perry O`ParsonPerry O'Parson
regioactive.de: Euer Bandname entspringt dem Roman "In Cold Blood" von Truman Capote und bezieht sich auf einen Mörder namens Perry. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Namensgebung?
Marcel: Das hat unser Gitarrist Jule damals entschieden. Vor ca. fünf Jahren hat er das Buch gelesen und fand die Story so gut, weil dieser Perry immer von einer Band namens "Perry O'Parson's Orchestra" träumt. Da haben wir gedacht, dass das doch eigentlich richtig dufte klingt und wir das so übernehmen könnten. Das "s" haben wir wegfallen lassen, genauso wie das "Orchestra", bis nur noch "Perry O'Parson" übrig war. Ganz am Anfang, als wir die erste EP aufgenommen haben, hießen wir noch "Perry O'Parson and the Little Cats", weil immer so viele Katzen beim Proben am Kellerfenster zugeschaut haben.

Seht ihr euch manchmal aufgrund eures Alters und eures Musikstils mit Klischees über Folk und alles, was musikalisch in diese Richtung geht, konfrontiert?

Marcel: Eigentlich nicht, weil es ja gerade momentan eine Folk- bzw. Singer-Songwriter-Welle gibt, von daher ist diese Musik wohl im Moment ganz angesagt. Aber wir machen ja schon seit 2005 solche Musik und damals war das dann doch eher unüblich, dass irgendwelche Kids im Alter von 17 oder 18 Jahren mit Mundharmonika und Akustikgitarre Musik machen. Das war die Zeit des Hypes um Metal- und Emocore, wo die Gitarre richtig verzerrt sein musste, um angesagt zu sein. Deshalb werden wir eigentlich nicht schräg angeguckt oder als klischeehaft bezeichnet. Natürlich konnte man solche Musik auch schon öfter von anderen Bands hören, aber wir wollen das Rad ja auch nicht neu erfinden. Ich habe meine Vorbilder, von denen ich bestimmte Sachen lerne, dementsprechend ist die Musik von Perry O'Parson auch nicht "neu".

Diese Vorbilder beeinflussen auch euren Musikstil – wie würdest du jemandem eure Musik beschreiben, der noch nie zuvor einen Song von Perry O'Parson gehört hat?

Marcel: Immer, wenn mich Leute danach fragen, die eben nicht in der Szene unterwegs sind oder mit den Genrebegriffen nicht so viel anfangen können, sage ich immer, dass sie sich Wonderwall von Oasis vorstellen sollen – manchmal ein bisschen aggressiver und manchmal ein bisschen ruhiger. Das ist ein ganz gutes Zentrum, von dem man immer noch ein bisschen abweichen kann, aber es ist natürlich relativ simpel ausgedrückt. Das klappt auch ganz gut, die Leute können sich dann etwas unter unserem Stil vorstellen. Sie wissen also, dass eine Akustikgitarre mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug dabei ist.

Borderline & FieldBorderline & Field EP
Bei Borderline & Field handelt es sich um eure dritte Veröffentlichung – habt ihr dieses Mal etwas anders gemacht als die beiden Male zuvor?

Marcel: Da haben wir uns ein bisschen mehr Zeit gelassen. Bei der ersten EP waren wir noch komplett studiounerfahren und alles hat etwas länger gedauert, weil wir erstmals mit der Problematik konfrontiert wurden, auf Klick aufzunehmen. Schlagzeug und Gitarre müssen ja am Schluss wieder zusammenpassen. Beim zweiten Mal, also beim Album, hatten wir dann ein bisschen mehr Zeitdruck und mussten zwölf Lieder in drei Tagen aufnehmen. Das war dann doch recht viel, da wir eher aus dem Bauch heraus spielen und nicht die besten theoretischen Musiker sind. Bei der neuesten EP haben wir vorher richtig viel geprobt und schon vorab mit Klick aufgenommen, damit wir uns daran gewöhnen und es im Studio zu keiner bösen Überraschung kommt. Durch das viele Proben und das Spielen mit dem Klick hat es dann auch wunderbar geklappt. Außerdem haben wir noch ein Akkordeon im Song From Here On Blind dabei, das man bei genauem Hinhören auch raushört. Soulmate wird z.B. noch von einer Orgel und einem Glockenspiel untermalt. Wir haben also bei Borderline & Field ein bisschen mehr rumexperimentiert.

Inwiefern nimmt der EP-Titel Borderline & Field Bezug auf den musikalischen und textlichen Inhalt der Platte?

Marcel: Der Titel bezieht sich nicht unmittelbar auf den Inhalt. Wir wohnen ja alle in kleinen Dörfern – ich wohne ca. zehn Kilometer von Frankreich entfernt und so ähnlich ist es auch bei den anderen Bandmitgliedern. Deshalb haben wir "Borderline", also die "Grenze", genommen und "Field" noch dazugetan, weil wir mehr oder weniger vom Land kommen. Wir wollen immer ein bisschen was von daheim mit drauf packen, wie z.B. die Windräder, die man auf den Bandfotos oder auf der ersten EP sieht. Wenn ich z.B. zu den Proben in Jules Keller fahre, dann fahre ich immer an den Windrädern vorbei und ich mag es einfach einen kleinen Teil von Zuhause in den Platten oder auf den Bildern zu verstecken.

Habt ihr unter den Songs der neuen EP einen absoluten Favoriten und wenn ja, wie hebt er sich von den anderen Liedern ab?

Marcel: Ich persönlich mag Ventilation, das letzte Lied der EP, am liebsten. Ich finde, dass es eine ganz starke Stimmung ausdrückt. Es geht darin um Beatmungsmaschinen und die Mundharmonika untermalt das eigentlich perfekt, weil sie echt ein bisschen wie eine Beatmungsmaschine klingt. Du ziehst fünf Sekunden lang einen Ton ein und ziehst ihn dann wieder raus und die Stimmung, die das Lied vermittelt, passt auch perfekt zum Text und zum Titel. Das ist mein persönliches Lieblingslied, wobei ich live auch gern A Cage Full Of Apes spiele. Mit der Mundharmonika und der Band ist das richtig gute Popmusik. Die Leute, die die CD hören, favorisieren meistens Soulmate, wie ich bemerkt habe. Der Song ist also sozusagen das Flaggschiff auf der EP.

Perry O ParsonPerry O'Parson
Manchmal erlebt das Publikum dich auch allein auf der Bühne. Was machen für dich diese Auftritte aus und wie unterscheiden sie sich von den Konzerten, bei denen du mit den drei anderen Jungs von Perry O'Parson auf der Bühne stehst?

Marcel: Das ist schwer zu vergleichen, irgendwie hat sich das alles so entwickelt. Vor zwei Jahren habe ich damit angefangen mal ein Konzert allein zu spielen und ein paar Monate später dann direkt wieder, weil unser Schlagzeuger krank war und ich das Konzert nicht absagen wollte. In diesem Jahr habe ich schon mehr als die Hälfte der Konzerte allein gespielt, darunter auch die Tour durch Italien und die Schweiz und viele Support-Shows. Das Ganze wirkt dann viel intimer und direkter und das Publikum ist ruhiger und hört besser zu. Man achtet einfach viel mehr auf die Texte und den Ausdruck eines Musikers, wenn er allein auf der Bühne steht. Wenn wir als ganze Band spielen, hat das oft mehr einen Feiercharakter. Man trinkt gemütlich was, tanzt herum und unterhält sich auch während des Konzerts und zwischen den Liedern. 

Und welche Konstellation ist dir auf der Bühne am liebsten?

Marcel: Es ist schwer zu vergleichen und ich mache beides wirklich gern. Es ist abhängig davon, wo wir spielen und wie das Publikum drauf ist. Ich habe zwei Mal in der Villa in Heidelberg gespielt, einmal allein und einmal zusammen mit der Band. Mit der ganzen Band war es viel chaotischer und wenn ich allein auftrete, sehe ich zu, dass ich das so perfekt wie möglich hinbekomme. Ich habe ja links keinen Bassisten und rechts keinen Gitarristen, der das dann überspielen kann, wenn ich mich verspiele. Von daher ist das alles sehr viel feiner als mit der gesamten Band. Aber es macht beides Spaß!

Welche/n Künstler/in bzw. welche Band würdet ihr am liebsten einmal supporten oder sogar ein paar Songs mit ihm/ihr zusammen aufnehmen bzw. spielen?

Marcel: Mittlerweile konnte ich – und da bin ich wirklich stolz drauf – mit jedem meiner Idole schon einmal zusammen spielen. Ich stehe total auf Kevin Devine, auf Denison Witmer, mit dem ich im Dezember spielen darf, und auf Rocky Votolato. Aber das Größte wäre es, irgendwann einmal mit Ryan Adams zu spielen. Er macht zwar momentan keine Konzerte mehr, aber er hat mich sehr geprägt und es wäre mir eine Ehre, ihn mal auf einem Konzert zu supporten. Ich habe immer viel Ryan Adams gehört und gestern habe ich auch noch zufällig entdeckt, dass er mal in Ludwigshafen aufgetreten ist. Hoffentlich tourt er irgendwann mal wieder – da kann ich, glaube ich, für alle sprechen.

Danke dir für das Interview!

Lisa-Marie Schnell

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