52 jahr', graues haar Tim Robbins & The Rogues Gallery Band live im Frannz Club Berlin
Tim Robbins, © Amanda Reelick

Tim Robbins & The Rogues Gallery Band
Foto: Amanda ReelickDa gibt es diese zwei Schwarz-Weiß-Fotografien von Tim Robbins als Kind, die einen etwas schmunzeln lassen. Die eine zeigt ihn in viel zu großen Cowboy-Stiefeln bei einem Balanceakt, die andere mit einer Mandoline auf dem Schoß, die er nicht richtig greift. Jetzt, mit 52, macht Tim Robbins tatsächlich Musik für Stiefel und Mandolinen: Americana. Dieser sonische Schmelztiegel amerikanischer Musikstile könnte nicht besser zu ihm passen. Und überraschen dürfte es auch niemanden, dass sich Robbins – mit fast zwei Metern Körpergröße der größte Schauspieler, der je einen Oscar gewonnen hat – nun der Musik widmet. Denn aufgewachsen ist Robbins in einem musikalisch geprägten Hause, und zwar nicht irgendwo, sondern in Greenwich Village. Sein Vater Gilbert war ein Folkmusiker (in der Band The Highwaymen), seine Mutter sang in der New York Choral Society, sein Bruder David komponiert Filmmusik. Nun sind Robbins’ eigene Kinder aus dem Haus und die langjährige Lebenspartnerin weg – doch die Musikstücke, die sich in den letzten 30 Jahren angesammelt haben, sind geblieben. Mit der Rogues Gallery Band hat der Amerikaner aus diesem Skizzen-Fundus neun Lieder aufgenommen; natürlich reichten diese nicht aus, um den gesamten Abend im Berliner Frannz Club zu füllen. Deshalb gab es noch Songs von unter anderem Hank Williams, Tom Waits und Warren Zevon. Ein überraschend großartiges Konzert.

Tim Robbins & The Rogues Gallery Band: Tim Robbins & The Rogues Gallery Band (2010)
Foto: PIASAls der politisch engagierte Tim Robbins in den frühen Neunzigern offiziell von den Oscar-Verleihungen verbannt worden ist, war das eigentlich schon ein wenig Rock’n’Roll. Heute hat er die Rockmechanismen perfektionisiert: Er schüttelte seinen Kopf in McCartney-Manier, kreiste die Hüften wie zu Gymnastikübungen, beherrschte die Bandleader-Gestik und erzählte die Entstehungsgeschichten seiner Lieder wie ein gestandener Storyteller. Sein Gesang ist sogar besser als auf Platte, auf der er manchmal zwei Töne daneben liegt. Tim Robbins & The Rogues Gallery Band ist ein Album ohne Überraschungen, aber mit vielen bezaubernden Momenten der leichten Entrücktheit. Auf der Bühne ließ sich dieser hermetisch hallige Klang (Produzent: Hal Willner) gut umsetzen und gewann sogar deutlich an Dynamik. Ein Schunkellied über Freundschaft (You're My Dare), eine Irak-Heimkehrer-Geschichte (Time To Kill), eine Liebesballade aus der Sicht eines Homosexuellen (Crush On You) und eine Hommage an Nelson Mandela (When The Lightning Calls The Dawn) waren zwar keine Lieder wie edle Tropfen, aber so bekömmlich wie heiße Milch mit Honig. Auf musikalischer Ebene ist das sehr weit entfernt von den Songs, die Robbins einst für seine Rolle als right-wing-Bob-Dylan im Film Bob Roberts schrieb.
Einer der wohl besten Songs, den Robbins aufnahm – All My Children Of The Sun, zu finden auf einem Pete-Seeger-Tributalbum – wurde leider nicht gespielt, dafür konnte man den hervorragenden, in der amerikanischen Musiktradition verwurzelten Geschmack Robbins’ an der Wahl der Lieder anderer Songwriter erkennen, die er mit der Rogues Gallery Band auf seine Weise interpretierte. Wunderbar gelang What A Little Moonlight Can Do, dem Robbins den Swing nahm und zur Ballade machte. (Und mindestens genauso wunderbar war auch die Instrumentierung mit Mandoline, French Horn, Klarinette und einem Stehbass.) Im Gegenzug ließ es sich das Publikum nicht nehmen, auch ein paar Geburtstagsständchen (zuviel) darzubieten, und auch die Band "schmuggelte" immer wieder ein paar Noten aus Happy Birthday To You ins Arrangement.
Entgegen aller Bedenken, einen alternden Schauspieler zu sehen, der sich mit seinen ersten richtigen Schritten in der Musik die Blöße gibt, hat Tim Robbins mit seiner Band im Berliner Frannz Club ein solides und vor allem entspanntes Set gespielt. Es sei das beste Geburtstagsgeschenk, das er sich hätte wünschen können, sagte er noch zum Schluss. Und dass er seit seinem Fünfzigsten die Jahre rückwärts zähle. Also: Alles Gute, Tim Robbins, 48.