obszöne rock- und splatterorgie in heidelberg
Konzertbericht: GWAR ertränken Halle02 in Kunstblut
Review/Bericht vom 17.07.2010 | Autor: Fabian Rieche / Fotos: René Peschel
Tags: GWAR
Review/Bericht vom 17.07.2010 | Autor: Fabian Rieche / Fotos: René Peschel
Tags: GWAR
Dass neuartige Rockbands wie Lordi den Status einer Kindergartenversion von GWAR nicht im Ansatz überschreiten, ist hinlänglich bekannt. Die Kapelle um Frontmonster Oderus Urungus bricht mit Vorliebe moralische und politische Tabus und fügt ihrer fragwürdigen Satire stets das größtmögliche Provokationspotential bei. Ob die kostümierten Weltraumrecken in natura ebenso geschmacklich treffsicher sind wie auf ihren Alben, galt es unter fahrlässiger Vernachlässigung der eigenen geistigen Gesundheit herauszufinden.
Mit einer Stunde Verspätung, ohne Vorband und ohne große Ankündigung wurden die frenetischen GWAR-Rufe des Publikums erhört und die Band in den ausgefallenen Schaumstoffkostümen enterte die Bühne, um gleich zwei Fragen auf einen Schlag zu beantworten: GWAR steht weder für "Gay Women Against Rape" noch für "Great White Aryan Race", sondern tatsächlich für "God, What an Awful Racket!" Und auch der Humor für das mentale Prekariat wurde visuell imponierend stumpf und somit absolut gelungen umgesetzt. Unter lautem Gitarrengeschredder wurde der erste "Slave" (wie die ebenfalls verkleideten Bühnenhelfer liebevoll genannt werden) geköpft, um eine meterhohe Kunstblutfontäne ins Publikum abzusondern. Bereits nach wenigen Sekunden tropfte rote Lebensmittelfarbe von begeisterten Gesichtern, versauter Kleidung, technischem Equipment und sogar von der Decke. Großartig! Was weiter im Verlauf der Show folgen sollte, ist kaum in Worte zu fassen, wenn man bedenkt, was in Deutschland sonst alles der Zensur zum Opfer fällt. Erst stolzierte ein janusköpfiges Zwillingswesen aus einem berühmten österreichischen Postkartenmaler und einem Zimmermannsgesellen aus Nazareth im Stechschritt auf der Bühne umher, um seine groteske Libido aus einem überdimensionierten Plastikphallus literweise ins debil grinsende Auditorium zu entladen, dann wurden kurz darauf erst Papst Benedikt XVI. und schließlich der Fürst der Hölle persönlich überflüssiger Gliedmaßen befreit. Nicht metaphorisch, sondern vollkommen plastisch und anschaubar ... weitere Gallonen Kunstblut inbegriffen. Der Boden der Halle war inzwischen überschwemmt, der Mann am Mischpult hatte es aufgegeben, hinter einer kleinen Plexiglasscheibe Schutz zu suchen - ob er seinen Job vernünftig machte, interessierte zu diesem Zeitpunkt sowieso niemanden mehr. Eigentlich konnte es gar nicht mehr besser werden. Wurde es dann leider auch nicht: Nach lediglich einer Stunde und einer letzten Dusche aus fingierten Körperflüssigkeiten, die dem Rachen einer monströsen Made entsprang, verschwanden GWAR zu den Klängen von Sick of you wieder, ohne Zugabe, ohne anderen Schnickschnack. Mit Titeln wie Ham on the Bone und Saddam a go-go waren zwar viele Klassiker im Set, aber bei einem Eintrittspreis von 19 Euro hätten durchaus noch das geniale Gor-gor oder passend zur rektalen Umwandlung eines Ordnungshüters in einen gigantischen Schaschlik auch Vlad, the Impaler dargeboten werden können. Doch genau wie die überteuerten Devotionalien könnte die knappe Spielzeit lediglich dem konzeptionellen Menschenhass geschuldet sein. Eine grandiose Splatter-Rock-Party und ein unglaubliches Show-Erlebnis, das man in jedem Fall gemacht haben sollte, war es dennoch allemal. Technische Raffinesse aus dem Wortschatz streichen, Bier in den Hals kippen, Gehirn ausschalten und ab geht die Luzi. Mein Beileid an alle, die nicht vor Ort waren – und an die Putztruppe.Die komplette Fotogalerie von GWAR live aus der Halle02 findet ihr hier!
Fabian Rieche / Fotos: René Peschel
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