Dream Pop nennen es die cool kids. Und finden in "Teen Dream", dem dritten Album von Beach House, erneut ihre Bestätigung. Das amerikanische Duo machte bei seinem ausverkauften Auftritt im Berliner Lido das Träumen leicht - jedoch konnte man oft genug auch real einschlafen. Es galt, mit der Hitze zu konkurrieren, und nach kurzer Zeit wurden Beach House zum Sweat Shop.

Beach HouseBeach House
© Jason Nocito/Sub Pop
"Hard times in the city in a hard town by the sea", schrieb Randy Newman einst in einem Song über Baltimore. Die trostlose Stadt am Meer – aber mit Häusern am Strand. Beach House kommen aus dieser Stadt, in der es so schwer sein soll zu leben, und ihre Musik klingt so, als wollten sie sich in die Weite des Meeres flüchten: Hall, Verzögerungen und Klangflächen sind die Ingredienzien für ihre sphärischen Konstrukte einer Räumlichkeit, die keines Ortes bedarf. Wie konnte es dennoch sein, dass eine so sehr auf Dimensionalität ausgelegte Musik in einem so großen Club wie dem Lido deplatziert wirkte? Wahrscheinlich leiden Beach-House-Stücke einfach nur am altbekannten Eremiten-Syndrom: Zum Hören sind sie nicht im Stehen gedacht, sondern im Liegen, eingeengt von vier Wänden, eingeschlossen in Kopfhörern, um sich erst dann und erst dort in alle Himmelsrichtungen ausdehnen zu können.

Beach HouseBeach House
© Jason Nocito/Sub Pop
Kaum war verkündet worden, dass Beach House erneut in Berlin spielen würden (Gitarrist Alex Scally scherzte kurz vor Konzertbeginn: "Zum gefühlten siebzigsten Mal"), war der Auftritt auch schon ausverkauft. Das Duo musste also niemanden überzeugen. Ihr Album Teen Dream, das – im Januar erschienen – die elend lange Kälte erträglicher machte, bedeutete für Beach House eine neue Ausrichtung: Mit den zwei Vorgängern hatten die Stücke die Melodien gemein, doch diese wurden nun auch vom Schlagzeug dominiert, das früher ein in den Hintergrund gemischter Rhythmusgeber war. Für die Liveumsetzung hätte allein dies also bedeuten müssen, dass mehr Abwechslung ins Set kommt. Ein zu optimistischer Gedanke. Teen Dream füllte fast die gesamte Setlist, nur ein paar ältere Lieder quetschten sich dazwischen, während der konstante Drei-Viertel-Takt und die Gitarren-Riffs in Monotonie mäanderten. Vorm gelegentlichen Gähnen konnte man sich nicht wappnen, leider. Used To Be, Silver Soul und natürlich auch das verhauchte Norway waren in der ersten Hälfte herausragend. Gerade diese Songs machten die Seltenheit augenscheinlich, dass bessere Bridges geschrieben werden können als Strophen.

Beach HouseBeach House
© Jason Nocito/Sub Pop
Victoria Legrand, wie immer hinter ihrer Haarpracht versteckt am Keyboard, und Alex Scally, sich an seine Gitarre schmiegend, verbreiteten Klangwellen, die die Ohrmuscheln der Zuhörer zunächst liebkosten, langsam ihren Widerstand durchbrachen, schließlich mit einem Wall aus Harmonie überschwemmten. Kuschelweich von melodischer und somatischer Wärme durchgespült wurde einem plötzlich auch physisch bewusst, wofür 'Atmo' in Atmosphäre steht. Das Beach House wurde zum Sweat Shop.

Dass die Tiefen und Höhen das gesamte 75-minütige Konzert über so verzerrt waren, dass es oftmals in den Ohren schmerzte, steigerte nur noch die Faszination für die ungewöhnliche Stimmfarbe Legrands, die sich mittig durch den ausgefransten Klang zwang. Die abwechselnd gesungenen Harmonielinien von Take Care und insbesondere das wunderbar verspielt-naive Ende von Astronaut waren nicht minder hypnotisch. Hätte Tim Hardin in Lady Came From Baltimore eine andere Frau besingen dürfen, es wäre Victoria Legrand gewesen, die Frau aus der trostlosen Stadt am Meer.

Dobromila Walasek

Kommentare

Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten | Presse