no glory, no hope, no ghost
The Acorn live im Comet Club Berlin
Review/Bericht vom 12.06.2010 | Autor: Dobromila Walasek
Tags: The Acorn
Review/Bericht vom 12.06.2010 | Autor: Dobromila Walasek
Tags: The Acorn
"Glory Hope Mountain" von The Acorn war eine kleine Perle unter den ins Haifischbecken der Musikindustrie hinaus gespülten Konzeptalben der Dekade. Doch niemand bekam es mit. Nun, drei Jahre später, scheint dies sogar die kanadische Folk-Band selbst vergessen zu haben. Im Berliner Comet Club spielten The Acorn, mit neuem Album im Rücken, demotiviert ein durchwachsenes Set, das nur wenige begeistern konnte.
Musiker haben den Vorteil, das auf Platte gepresste Ergebnis noch einmal transformieren zu können. Auf der Bühne nämlich. Und so mancher Band dämmert nach einiger Zeit, dass die live umgesetzten Stücke eigentlich viel besser klingen als ihre Studioaufnahmen - und bringt ein Live-Album heraus. Nicht so The Acorn. Die kanadische Band veröffentlichte im letzten Jahr Heron Act, eine Sammlung neuer, alternativer Aufnahmen und Demos von Liedern ihres Konzeptalbums Glory Hope Mountain. Dabei bedurfte Glory Hope Mountain nicht einmal einer Neumodellage, war es doch eine feingliedrige, harmonieselige Folklore-Fabel, die mit ihrer Entrücktheit zu den besten Alben 2007 gehörte. Mangels Erfolgs blieben The Acorn weiterhin in ihrer Musikszene in Ottawa verwurzelt, doch niemand wollte sie pflücken. Was machen nun also Musiker, wenn sie - Vorsicht, Klischee - Großes fabriziert, aber keine Annerkennung dafür bekommen haben? Sie nehmen ein neues Album auf, auf dem sie verstärkt auf E-Gitarren setzen, in der Hoffnung, die Publikumsresonanz möge genauso stark ausfallen wie die krampfhaft auf Platte gebannten Rückkopplungen. So wie No Ghost, der höhepunktlose dritte Langspieler von The Acorn, der die Befürchtungen wahr werden ließ. Beim ersten Konzert in Berlin wurde klar: Auch eine Live-Umsetzung konnte die Songs nicht mehr retten. Nach einer Stunde Spielzeit blieb von den Stücken fast nichts hängen - außer einem karierten Hemd am Mikrofonständer. Rolf Klausener, Sänger, Gitarrist und Songwriter der Band, gab sich alle Mühe, das Publikum zu unterhalten. Sich seines Hemdes entledigend streute er auf Deutsch zwischen die Lieder ein paar mehr oder minder sinnvolle Wendungen, mit denen er aber nicht mehr ernten konnte als ein Schmunzeln. Traurig wurde es aber erst dann, als einen im Laufe des Auftritts die Überzeugung ereilte, dass dies wohl auch die besten Momente des Abends bleiben würden. No Ghost live zu spielen erforderte nämlich keine große Kunstfertigkeit jenseits der monoton zum Beat geschrammelten Akkorde. Einzig Misplaced, das Klausener der "city of Berlin" widmet, bot ein wenig Raffinesse, die den Einheitsbrei etwas Geschmack verlieh. Ja, natürlich fanden sich ein paar gewohnte Acorn-Klänge auch in den neuen Stücken. Doch sie tauchten nur so selten auf, dass die etwas lächerlich anmutenden Gitarren-Rockismen all die zarten Verflechtungen im Arrangement wie mit einer Axt durchtrennten. Enttäuschend waren an dem Abend ebenso die Lieder von Glory Hope Mountain. Das Album, das Klausener über das Leben seiner in Honduras geborenen Mutter geschrieben hatte, verbindet aufwendig produzierte Percussion-Klänge mit Appalachen-Hall, eine aufgeladene Stimmung von Ruhe, die immer wieder droht, sich in den sprichwörtlichen Sturm zu verwandeln, dies aber nie schafft. Diese musikalische Dimensionalität plättete das Quintett aber bald, indem es der Linearität den Vorzug gab und das Tempo der Songs erhöhte. Musik, die sich ursprünglich anhörte wie Devendra Banhart aussieht, kam nun so glattrasiert daher wie die Kings Of Leon. Crooked Legs, Hold Your Breath und Low Gravity (dessen Bass-Riff an Love Is In The Air erinnert) blieben trotzdem die besten Songs. Mit Kindling To Cremation kamen The Acorn für eine Zugabe zurück, liehen sich die wunderbar hallende Gitarre von ihrem Support Woodpigeon, und schlossen mit der Zeile "This is how you pass the time away." Klauseners an den Mikrofonständer gebundene Hemd blieb zurück, als ob The Acorn kapitulierend die Flagge gestrichen hätten, und verlieh der gedrückten Atmosphäre etwas Geisterhaftes. Trotz No Ghost.Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten | Presse