Vor ca. 6 Jahren wurde es ins Leben gerufen – das "Mannheimer Modell". Ein Marketing-Konstrukt, das auf den Institutionen Musikpark, Popakademie und der städtischen Förderung für Rock und Popmusik basiert. Ein Kommentar zum Status Quo.
Blick auf den Mannheimer Jungbusch, wo Musikpark und Popakademie angesiedelt sind.
Aber genügen die geschaffenen Institutionen, um den Titel "die heimliche Hauptstadt des Pop" zu rechtfertigen?
© Stadtmarketing Mannheim Schlagworte und -sätze wie "die heimliche Hauptstadt des Pop" wurden medial gestreut mit dem Ziel, "Kreative" anzuziehen und eine Popkultur zu inszenieren, wie man sie noch nirgends gesehen hat. Man hat sich die Kampagne schon etwas kosten lassen: teure Werbeanzeigen, Messeauftritte, wandernde Würfel und vieles mehr verschlangen Gelder, um dem Betrachter zu suggerieren, in Mannheim gehe musikalisch die Post ab. Die Realität sieht in einem zentralen Bereich jedoch etwas anders aus: Mannheim bietet nach wie vor wenig Livebühnen für den Nachwuchs. Es fehlen schlicht die Möglichkeiten für junge Acts, sich zu präsentieren und Live-Erfahrungen zu sammeln, um so schnell in das immer wichtiger werdende Live-Geschäft einzusteigen.
"Traditionelle Live-Musik" in Mannheim. Wo bleibt der frische Wind?
© Stadtmarketing Mannheim Der Slogan "bei uns bleiben Musiker nicht auf der Straße" gilt im Nachwuchssegment maximal für Studenten der Popakademie, da diese Zugriff auf ein lebhaftes Netzwerk haben und in der Wahrnehmung vieler Veranstalter offensichtlich als qualitativ hochwertiger betrachtet werden. Die eigentliche Mannheimer Szene geht jedoch in den meisten Fällen leer aus oder organisiert sich selbst, wie die Beispiele
Big Noise Community,
Sulphur Sonic oder
Jazz im Busch zeigen.
Soundition live (Halle-02, 2009)
Foto: Marco Hammer
© regioactive.de Mannheims Clublandschaft ist in einem desolaten Zustand. Echte Alternativen wie das Schwoorz oder das Lagerhaus gibt es nicht mehr. Ehemalige Live-Clubs wie das Miljöö konzentrieren sich seit geraumer Zeit auf trinkfreudiges Partypublikum. Locations wie das Capitol und die Feuerwache sind viel zu groß und können maximal über Nachwuchswettbewerbe wie das
Newcomerfestival Rhein-Neckar oder
Rock im Quadrat für junge Bands genutzt werden. Neue Konzepte scheinen nicht wirklich im Gespräch zu sein. Zudem haben Ansätze wie "Mitten in der Nacht" oder der "Nachtwandel" im Jungbusch nur temporären Charakter; ohne nennenswerte Strahlkraft auf die restliches Zeit des Jahres. Ein kleiner Lichtblick inmitten dieser musikalischen Einöde ist die Veranstaltungsreihe
SP!EL, die jungen Bands eine erste Plattform bietet. Das Jugendkulturzentrum Forum, das dieser Reihe eine Bühne bietet, sieht sich jedoch mit einem
fortwährenden Existenzkampf konfrontiert.
Das Schlossgrabenfest 2010 in Darmstadt
© Marco Hammer Auch die Mannheimer "Großveranstaltungen" lassen Raum für neue Bands vermissen. Innovative Ansätze wie "
Pop im Hafen" oder "
Arena of Pop" scheinen komplett in der Versenkung verschwunden zu sein oder werden aus Kostengründen nur noch jedes zweite Jahr durchgeführt. Kaum nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass auf dem nahegelegenen
Darmstädter Schlossgrabenfest jedes Jahr die Bühnen wackeln und sowohl nationale Acts, als auch der regionale Nachwuchs der tobenden Menge einheizen. Das Mannheimer Pendant sieht dagegen grau und trist aus. Die Organisatoren des diesjährigen Stadtfestes setzten einmal mehr auf altbewährte Langeweile, um das Mainstream-Familienpublikum mit der gewohnten Musik zu berieseln.
Mannheimer Stadtfest 2010 An einem Wochenende, an dem Deutschland mit der jugendlichen Lässigkeit einer Lena dem verstaubten Image des Eurovision Song Contest die Stirn bot, zeigte Mannheim, wie man Kreativität klein schreibt und glänzte mit gecoverter Partyzelt-Musik, bei der die Bands versuchten echte Showgrößen wie Peter Maffay, Robbie Williams oder Udo Lindenberg zu imitieren. Immerhin wollte man auf Acts mit eigener Musik nicht komplett verzichten, wagte sich aber schließlich nicht über das abgedroschene Wiederholungsprogramm der Vorjahre hinaus. Regionale Größen wie Silke Hauck, Klaus Eisenmann, Rolf Stahlhofen, KJ Dallaway durften sich einmal mehr live präsentieren, um dem Publikum zu zeigen, dass alles noch beim Alten geblieben ist – wie beruhigend in Zeiten wie diesen. Beunruhigend ist allerdings die Tatsache, dass die Organisation des Stadtfestes mittlerweile in der Hand der Stadt Mannheim selbst liegt und man vergeblich erwartet, dass das Programm im Vergleich zu den Ü35-Marketingaktivitäten der ansässigen Brauerei, die das Stadtfest lange Zeit ausrichtete, neue Akzente setzt.
Der Musikpark Mannheim (Existenzgründerzentrum für die Musikwirtschaft in Mannheim).
© Stadtmarketing Mannheim Schließlich muss man von einer Stadt, die sich das Thema Kreativität groß auf die Fahne schreibt, ebendiese erwarten können. Vor allem dann, wenn Livebühnen nahezu das gesamte Jahr über mehr als dünn gesät sind. In diesem Zusammenhang ist die Schnittstellenfunktion des "Beauftragten für Musik und Popkultur" deutlich gefragt, den sich die Stadt Mannheim seit der Geburt des Mannheimer Modells leistet und der nicht zuletzt auch sehr engagiert um mehr Raum für Popkultur in Mannheim kämpft. Umso verwunderlicher ist in diesem Kontext jedoch, dass bestehende Plattformen wie das Stadtfest nicht wirklich innovativ genutzt werden können und es der Stadt Mannheim nicht einmal gelingen mag, interne Schnittstellen zu schaffen. Schade und traurig zugleich, wenn man bedenkt, dass es ca. 700 Bands in der gesamten Region gibt, die alle darauf brennen, ihren musikalischen Output zum Besten zu geben – jedoch vergebens. Ein Versprechen hat Mannheim somit eingehalten: "Hier bleiben die Musiker nicht auf der Straße" – denn sie bleiben gleich ganz zu Hause oder verkleiden sich als Stars und spielen Lieder nach!
Dirk Brünner
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Kommentar (9 Kommentare vorhanden)
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Markus B
online
von Markus Biedermann am Freitag, 15.04.2011
Ich kann mir denken was dich hierher zurück geführt hat. Der Montag ;). Unabhängig von dessen Ausgang ist so'n Bierle und Talk nach wie vor willkommen.
fscraine
von fscrainer am Freitag, 15.04.2011
ach gott - mal wieder hierüber gestolpert ...
ich verspreche mir von einem ersten zusammekommen, überhaupt mal ein reales treffen, bei dem sich im idealfall mit weiteren interessierten herausfinden ließe, in welchem tatsächlich höher und konstruktiver aufgehängtem rahmen sich mit welchen weiteren gesprächs- und arbeitspartnern die nötige ernsthaftigkeit hergestellt werden muss ...
ging erstmal um eine art startpunkt, vom dem man dann eben weitergeht ...
bin da immer noch interessiert ... wegen termin und anderen dingen könnten wir beide uns ja mal treffen und beratschlagen und dann zb. über regioactive dazu einladen - was meinst du?
Markus B
online
von Markus Biedermann am Mittwoch, 09.06.2010
Mehr "active" werden schließt für mich ehrlich gesagt auch und gerade den "reportive" Teil mit ein. Mit jedem Gedanken, jeder Kritik, jeder Frustration, oder aber auch den kleinen bis mittleren Erfolgen "hinter den Kulissen" zu bleiben, ist meines ganz persönlichen Erachtens nach tatsächlich auch mit eins der Probleme. Weil Diskurs sich eben über Medien (im allgemeinen Sinne) vermittelt. Weil man Themen setzen kann/könnte. Weil man breite Öffentlichkeit erreichen und organisieren muss, um Ziele zu verwirklichen. Sonst spielt man im kleinen inneren Zirkel den gutgelaunten Ideengeber ohne Widerhall. Aber ich schweife ab....
Nach der WM sowieso ;):). Im Forum wäre toll und passend. Aber macht's Sinn, auf die schnelle hier in den Comments einen Spontan-Termin zu vereinbaren? Sollte das nicht von vornherein auf "breiteren Beinen" stehen? Frag' ich mal so, weil noch ist keine WM und "bissl Bier trinken und plaudern" wäre auch an spielfreien Tagen möglich. Ich frage dich also als denjenigen, der die Einladung ausgesprochen hat: Was erwartest du dir davon? Ist die Antwort "einen hohen Grad an Ernsthaftigkeit und Diskussion auf breiter Ebene", dann sollte man das vielleicht von vornherein dementsprechend auch angehen.
rainer
von rainer am Mittwoch, 09.06.2010
word - bin da völlig bei dir und dirk - meine kritik bezog sich eigentlich eher auf einen der kommentare ... - weißt du ja ...
der punkt stadtfest ist natürlich ein sehr guter aufhänger, weil er das dilema von jeder seite zeigt ...
let´s get more active, than reportive ...
terminvorschläge für nach der wm?
lg r
Markus B
online
von Markus Biedermann am Mittwoch, 09.06.2010
Rainer: "es ist so einfach alles schlimm zu finden, aber konkret werden, mit bedarfen, zielsetzungen, vorschlägen ... nur zu oft fehlanzeige ..."
Also Rainer, deine Kernargumente (Verantwortung auch bei den Musikern und dem Publikum selbst suchen) sind seit langem klar und in weiten Teilen auch sehr nachvollziehbar. Indes, sie werden im Laufe der Zeit nicht "noch richtiger", als sie es eben sind. Sie beschreiben einen Aspekt in der ganzen Geschichte, der für sich genommen schlüssig zu argumentieren ist.
Ebenso schlüssig ist es allerdings, wie in Dirks Artikel geschehen, mal an einem konkreten Beispiel zu argumentieren (hier: Stadtfest), wie es eigentlich ausschaut, wenn die selbsternannte Pophauptstadt ein solches Event organisiert, bei dem sich ganz bestimmt angeboten hätte, dass diese Seite in der Geschichte die Ernsthaftigkeit ihrer Postulate mal unter Beweis stellt.
Das ist nicht geschehen. Und das gilt es durchaus zu kritisieren. Und das ist zwar nicht völlig, aber vom Grund her dann eben doch erstmal unabhängig von den einzelnen Musikern selbst.
Ein Kommentar wie dieser ist auch eben genau einfach mal das: Ein Kommentar. Über eine tiefgreifende Diskussion würde ich mich auch freuen. Eine vergleichbare Runde gab es vor gefühlten 25 Jahren mal mit Markus Sprengler, ein one-time-Event. Seitdem hat's doch irgendwie doch kein Stadtverantwortlicher jemals wieder für nötig erachtet, die von dir so kritisierten Musiker überhaupt ernst zu nehmen und zu einer ähnlich gelagerten (öffentlichen!) Veranstaltung einzuladen. Klaro haben viele den Markus auch oft belächelt und kritisiert, ich auch zu zahlreichen Anlässen. Dennoch steht da unterm Strich: Music Award Gigs für zahlreiche Bands, Privat Club, Location-Expertimente (z.B. ABB).... Initiativen, die vielleicht nicht immer erfolgreich waren, aber aus der heutigen Sicht zumindest zeigen: Natürlich ist es möglich, dass auch die städtische Seite mehr Initiative und Willen zeigt.
Was nichts, wie oben erwähnt, an der Richtigkeit deiner Sichtweise ändert.
rainer
von rainer am Mittwoch, 09.06.2010
"Als Musiker weiß ich zumindest, dass ich von Mannheim nichts zu erwarten habe. Null ist eigentlich ein recht guter Ausgangspunkt."
dein ausgangspunkt? du meinst: dein stand- bzw. sitzpunkt > null bewegung ...
frei nach john kennedy: ask not, what your popmetropole can do you for you - ask: what you can do for your popmetropole.
es ist so einfach alles schlimm zu finden, aber konkret werden, mit bedarfen, zielsetzungen, vorschlägen ... nur zu oft fehlanzeige ... bin nun lange genug dabei um zu wissen, dass man mitunter genauso wenig von den musikern erwarten kann, zumindest dann nicht, wenn die haltung immer nur die ist: "ich warte drauf, dass da endlich mal jemand kommt und mich berühmt macht - soll er sich doch gefälligst drum bemühen, mich zu finden" ... die allerallerwenigsten nehmen einmal den hörer in die hand und rufen mal bei denen an, die sie gerne von der seite anpinkeln ... oder schlagen mal wo auf und fragen nach, was wie mit wem wo zu welchen konditionen geht ... und bevor man grundsätzlich was verändert, stützt man sogar im dümmsten fall noch eine landschaft, die einem nicht gefällt, indem man sich in läden zu haarsträubenden bedingungen ein- und damit schlecht verkauft ... für soviel weitsicht kann kein popbeauftragter und schon gar kein popakademiker was ...
by the way: wenn die mannheimer szene so toll und lebendig ist, dann bleibt doch die frage, was hat denn die popakademie tatsächlich zunichte gemacht? nicht viel, wenn man ehrlich ist ... es gab keine regelmäßigen festivals, die wegen der poppe nicht mehr da wären, es gibt keinen club, keine konzertreihe, die wegen der poppe nicht mehr läuft, usw usw ...
also scheint das problem doch wo anders zu liegen: so mannheimer musiker: go ask yourself!?!
keine ahnung, wie oft ich und andere schon dazu eingeladen haben, dass man sich mal daürber konstruktiv und weniger gekränkt darüber unterhält ... nicht hier in einem forum, sondern mal direkt und mit dem wirklichen vorhaben, etwas zu ändern ... nichts ... verpuff ...
gerade neulich wieder ein treffen mit einer jungen band mit großem motzappeal zur besprechung gehabt > ergebnis: "ah okay, so läuft das, hmm ja dann... das hab ich so natürlich nich bedacht ..." schonmal gut, mal sehen, wie weit die erkenntnis trägt, dann selber mal vielleicht das ruder wieder in die hand zu nehmen ...
whatever: lasst uns gerne eine art stammtisch am besten mit bestimmten funktionsträgern vereinbaren und diese ewige nörgelei endlich sein lassen ...
das is genau unergiebig wie die pay to play diskussion > grundsätzlich findets jeder scheisse, aber wenn er sich dann doch auf der bühne feiern lassen will, dann nimmt man das eben hin > schizophren, oder?
lassts uns anpacken, ohne groll und einfalt und dann kann es was werden:
rainer.doehring@forum-mannheim.de
Jens
von Jens am Dienstag, 08.06.2010
Super auf den Punkt gebracht, gibt es echt nichts mehr hinzuzufügen. Augen auf, Mannheim Popmetropole!
Ache
von Ache am Dienstag, 08.06.2010
Oh yes, endlich sagt das mal wieder jemand öffentlich! Danke!
Allerdings: Wenn sich die Stadt überhaupt nicht erst in die Szene eingemischt hätte, wäre evtl. mehr dabei rausgekommen. Die sollten einfach ein paar von den bekloppten Bestimmungen lockern die u.a. neulich das Rocktheater wieder haben schließen lassen. Mannheim kann jetzt wenigstens beruhigt notieren, alles, aber auch alles falsch gemacht zu haben.
Als Musiker weiß ich zumindest, dass ich von Mannheim nichts zu erwarten habe. Null ist eigentlich ein recht guter Ausgangspunkt.
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