Bob Dylans aktuelles Album "Tempest" stand in Berlin im Mittelpunkt

© Sony Music

Drei ausverkaufte Berlin-Konzerte in drei Tagen – seit 25 Jahren spielt Pop-Ikone Bob Dylan nun schon auf seiner "Never Ending Tour" jährlich knapp 100 Konzerte, doch das gab es noch nie. Es wird nicht die einzige Überraschung am ersten Berlin-Tag im Tempodrom bleiben: Bob Dylan hat sich wieder einmal gehäutet – und fühlt sich in seiner Rolle sichtlich wohl.

Folk-Legende, Pop-Poet, Stimme der Protestbewegung, ständiger Literaturnobelpreis-Kandidat – Bob Dylan hat die Gesellschaft politisch und kulturell geprägt wie kein Zweiter und wollte doch immer nur er selbst sein, ein authentischer Musiker und Lyriker, der "vom Aufstehen bis zum Schlafengehen machen will, was ihm gefällt", Kunst.

Ein intimes Konzert

"Wenn ich Konzerte spiele, mache ich Kunst! Ich kann nicht verstehen warum die Leute von mir immer erwarten, dass ich meine Songs so spiele, dass sie sie mitsingen können. Ich spiele doch nicht am Lagerfeuer", sagte er einmal.

Tatsächlich sind auch an diesem Abend im für Bob-Dylan-Verhältnisse "intimen" Tempodrom seine Songs kaum bis gar nicht erkenntlich, bis auf ihre Knochen auseinandergenommen, zetrümmert und in veränderter Struktur wieder zusammengeflickt. In dieser Hinsicht bleibt alles beim Alten.

Reduktion auf das Wesentliche

Viel Swing, Rhthym 'n' Blues und Country dargeboten in Wohnzimmer-Atmosphäre nähren das Gefühl, einem familiären Konzert beizuwohnen. Lässigkeit, Entspanntheit und Leichtigkeit verbinden sich mit Unverkrampftheit und Unaufgeregtheit eines gefeierten Rockstars, der keine Lust auf Poserei hat.

Dylans Auftritt richtet den Blick weg von seiner Person hin auf das Musikalische. Die Bühne, in fahles Dämmerlicht getaucht, lässt keinen Platz für vergangenen Ruhm, für Stargehabe – das Gegenwärtige ist relevant.

Tänzelnd vor dem Mikrofon

Auf der Strecke bleibt Bob Dylans eigenes Gitarrenspiel, in die Mottenkiste aussortiert werden auch manche Accessoires und Traditionen. Der notorische Hutträger Bob Dylan zeigt seine zerzauste Haarpracht frei von jeder Kopfbedeckung.

Dazu dröhnen die Gitarren seiner fantastisch eingestimmten Bandkollegen. Dylan haucht mit rauchiger, bellender, kaputter, aber doch wieder erstarkter Stimme, kaum mehr Silben vernuschelnd, seine poetischen Texte breitbeinig tänzelnd vor dem Mikrofon und Keyboard in den Zuschauerraum.

Die Gegenwart im Mittelpunkt

Das Jetzt steht auch musikalisch im Mittelpunkt. Nur wenige Klassiker wie "Tangled Up In Blue", "She Belongs To Me" und "Simple Twist Of Fate" schaffen es in die Setlist, dazu die standardgemäßen Zugaben "All Along The Watchtower" und das bis zur Unkenntlichkeit zersungene "Blowin' In The Wind".

Doch Gefallen findet Dylan mehr an den neueren Songs, an den Liedern seines brillianten Spätwerks "Tempest". Wenn er die neuen Lieder spielt, funkeln seine Augen, huscht ein Lächeln über sein Gesicht, wackelt er leicht mit Kopf und Schultern, beugt sich über das Keyboard. Das bedrohliche "Pay in Blood", das wunderbare "Duquesne Whistle" und das furiose "Long And Wasted Years" bilden den roten Faden des Konzerts.

Die Never Ending Tour neu erfunden

Es scheint, als hätte Bob Dylan pünktlich zur Europa-Tournee die bestmöglicheste Song-Reihenfolge für seine Live-Performances gefunden. Die Setlists der gegenwärtigen Tournee sind im Gegensatz zu früher ungewöhnlich ähnlich oder gar identisch. Gemeinsam ist allen Konzerten auch eine zehn bis fünfzehnminütige Pause nach der Hälfte des Konzerts, meist nach dem vorantreibenden "Love Sick2.

Ob das nun Alterserscheinungen dieses 72-jährigen ruhelosen Barden sind oder aber eine Reminenz an das mit ihm älter werdende Publikum ist, kann hier nicht geklärt werden.

Das Leben auf der Bühne geht weiter

Dass es trotzdem nie langweilig wird, liegt nicht nur an der fantastischen Qualität seiner neuen Songs, sondern auch an der einnehmenden Aura des Meisters – Bob Dylan darf alles, das hat er sich im Verlauf von fünf Jahrzenten erarbeitet.

Am Ende der knapp zwei Stunden steht Bob Dylan mit seiner Band am Bühnenrand und blickt mit stoischem Lächeln in das frenetisch jubelnde Publikum. "Morgen spiele ich erneut und übermorgen und überübermorgen", denkt er sich vielleicht.

Bob Dylan – eine Never Ending Story, dessen Never Ending Tour hoffentlich noch lange andauern wird. Gleich heute und morgen erneut in Berlin, dann noch bis Ende November in Europa.
 

Alles zum Thema:

bob dylan

Kommentare