Johnny Mutante- Boat People
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„Neue Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa“, „25 Bootsflüchtlinge ums Leben gekommen“, „Bootsflüchtlinge aus Tunesien ertrunken“, „61 Bootsflüchtlinge auf offenem Meer verdurstet“, „25 Leichen vor Teneriffa angespült“.
Na, kommen Ihnen diese Schlagzeilen bekannt vor?
Ob wegen Hunger, wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, politischer oder religiöser Verfolgung, Krieg oder Vertreibung- es gibt zahlreiche Gründe, die dazu zwingen können, von der eigenen, gewohnten Umgebung zu flüchten. Neben zahlreichen Möglichkeiten, dies zu tun, wählen Flüchtlinge, insbesondere solche aus den verschiedensten Teilen Afrikas seit geraumer Zeit den Weg über das Mittelmeer oder den Atlantik, um an den verschiedensten Außenposten Europas anzulanden- insbesondere auf den Inseln Teneriffa (Spanien) und Lampedusa (Italien).
Die Boote, die für diese Überfahrten genutzt werden, verdienen Ihren Namen nur der Beschreibung halber: meistens handelt es sich um abgewrackte Schiffskutter, notdürftig zusammengebaute Schlauchboote, oder andere, nicht hochseetaugliche Vehikel. Bis zu 10.000 US- Dollar müssen die mutigen Männer und Frauen, die sich auf einen solchen Höllentrip begeben, zahlen.
Immer wieder sparen die Schlepper aus Profitgier an den Dingen, die für das Überleben auf hoher See überlebenswichtig sind: Benzin, Nahrung, Trinkwasser oder die Sicherheit der Motoren oder „Boote“. Ob unerfahrene Seeleute oder Kapitäne, die man höchstens als Amateure bezeichnen könnte- all das versetzt die Flüchtlinge in eine grauenhafte Ausgangsposition.
Bedenkt man dann noch die extremen Temperaturschwankungen auf hoher See (tagsüber massive Hitze, nachts tiefe Kälte) und den starken Wellengang, dem die notdürftigen Vehikel meistens kaum etwas entgegensetzen können, so hat man noch immer nicht den Hauch einer Ahnung, wie eine solche Überfahrt wohl sein muss. Die dokumentierten, hohen Verluste an Passagieren, sprechen hier eine deutliche Sprache.
Doch wenn eben jene Frauen, Männer und Kinder nach teilweise wochenlangen Überfahrten an den Außengrenzen Europas ankommen, ist der Alptraum noch keineswegs zu Ende. Häufig werden die „Flüchtlingsboote“ von Marineschiffen der NATO, Italiens oder Spaniens aufgerieben und in den nächstgelegenen Hafen geschleppt.
Nach einer notdürftigen Versorgung werden die Flüchtlinge dann in Flüchtlingslager interniert, von denen man zwischen Rom, Brüssel und Berlin weiß, dass Sie nur den minimalen Standards menschenwürdiger Behandlung entsprechen- Enge, problematische, hygienische Verhältnisse und mangelnde Ernährung- all das ist das Begrüßungsgeschenk der europäischen Union. In diesen dunklen Orten, in denen Journalisten in der Regel keinen Zutritt haben, herrscht keine Euphorie auf ein neues Leben oder Freude über die geglückte Überfahrt. Dort dominieren die markigen Worte eines Silvio Berlusconi, der, wenn er mal wieder von einer Sexparty ablenken möchte, öffentlich erklärt „alle Flüchtlinge innerhalb von 48 Stunden auszuweisen“ oder „Lampedusa endlich migrantenfrei“ machen zu wollen.
Johnny Mutante begibt sich in seinem neuen Song „Boat People“ in die Perspektive eines Bootsflüchtling und zeichnet im zynischen Stil eine solche Überfahrt von Äthiopien, über die Westsahara Richtung Teneriffa, nach. Dem Koblenzer Rapper geht es dabei insbesondere darum, auf das Schicksal der Bootsflüchtlinge aufmerksam zu machen- eine Thematik, die wir häufig nur am Rande wahrnehmen, die den wichtigsten Medien nicht mehr als eine Randnotiz wert ist.
Wenn Sie also das nächste Mal nach Teneriffa oder Lampedusa reisen, machen Sie sich bewusst, dass an dem Strand, an dem Sie gerade liegen, Leichen angespült worden sein konnten. Leichen todesmutiger Männer, Frauen und Ihren Kindern, die auf der Flucht vor lebensunwürdigen Bedingungen keine andere Aussicht sahen, als eine solch wahnwitzige Reise auf sich zu nehmen. Nehmen Sie sich nur einen Moment Zeit, über diese Verhältnisse nachzudenken.
Aber vor allem: Helfen Sie, wenn Sie können.
Flüchtlingen sind Menschen. Sie sind nicht illegal. Kein Mensch ist illegal.
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