Etwas andere Konzertagenturen

Etwas andere Konzertagenturen

Gepostet am Sonntag, 9. Mai 2010 von Dominik Groha

ETWAS ANDERE KONZERTAGENTUREN
Als Band wurde uns Mitte dieser Woche die Möglichkeit eingeräumt am kommenden Wochenende eine „befreundete“ Musikgruppe (über die Art und Weise dieses freundschaftlichen Verhältnisses lässt sich im Nachhinein streiten) bei einem Bandcontest kurzfristig zu vertreten. Da sich der allgemeine Nachwuchsmusiker erst mal grundsätzlich über jede Möglichkeit, sein in vielen Proben und Übungsstunden stetig mühsam verbessertes Liedgut vorzustellen, freut, waren wir vorerst nicht abgeneigt.
Nicht zuletzt dem Umstand, dass die Zeit zur Zu- oder Absage (vermeintlicherweise) ziemlich drängte, ist es zu verdanken, dass eines unserer Bandmitglieder die AGBs jenes Veranstalters, der selber für sich mit dem Slogan „die etwas andere Konzertagentur“ wirbt (genauere Informationen sind der Gighistorie zu entnehmen), unterzeichnete. Durch eben diese Unterzeichnung verpflichteten wir uns zur Abnahme von 15 Karten (ursprünglich 25 Karten) zu einem Stückpreis von jeweils 5 Euro. Diese 75 Euro waren noch vor dem Tag des Konzerts an den Veranstalter zu überweisen. Der Veranstaltungsort lag in der, für uns ca. 50 km entfernten, Stadt Mainz. Die Reisekosten sind grundsätzlich von den Bands selbst zu tragen, um hier jedoch ein Verlustgeschäft zu vermeiden, rät die Agentur auf ihrer Homepage damit, die Karten für mehr als 5 Euro zu verkaufen (wobei der Preis der Karten an der Abendkasse von 6,50 Euro bzw. 7 Euro nicht überschritten werden darf). Etwas seltsam wirkt an dieser Stelle die Tatsache, dass ein Teil der von uns in drei Tagen mühsam akquirierten Zuhörer am Abend der Veranstaltung nicht mehr bei uns eine Karte für 5 Euro kaufen konnte, sondern an der Abendkasse eine Karte für 6,50 Euro zu erstehen hatte. Die finanzielle Bilanz des Abends belief sich demnach auf Ausgaben in Höhe von 75 Euro, Einnahmen in Höhe von 0 Euro – macht Zusammen einen Verlust von 75 Euro (Reisekosten noch nicht mit eingerechnet). Böse Zungen würden so etwas als Misswirtschaft bezeichnen.
Der Begeisterungsfähigkeit der Fans der Band „Buffet of fate“ war es zu verdanken, dass wir bei diesem Wettbewerb den zweiten Platz belegten und uns somit für eine weitere Runde qualifizierten (diesen Fans an dieser Stelle noch mal ein ehrlich gemeintes Dankeschön). Doch was wird dieser Triumph für unsere Bandkasse bedeuten? Die zweite Runde findet erneut in Mainz statt. Hierfür hat jede Band im Vorfeld 25 Karten à 5 Euro abzunehmen. Da mir während unserer vierjährigen Bestandszeit als Musikgruppe genau null Auftritte bekannt sind, an denen wir im Vorfeld jemals auch nur in die Nähe von 25 im Vorverkauf losgewordenen Karten gekommen wären, sind die Aussichten auf ein für uns profitables Geschäft alles andere als rosig. Würden wir aus Kostengründen nun die Teilnahme an der nächsten Runde absagen, hat der Veranstalter die Möglichkeit uns aufgrund eines Vertragsbruches eine Strafe von 250 Euro in Rechnung zu stellen.
Sollte man nach insgesamt sechs Runden als glücklicher Gewinner feststehen, erwartet die siegreiche Band als Preis die Tatsache im nächsten Jahr als Headliner bei den kommenden Wettbewerben spielen zu dürfen. Wie viele Karten hier im Vorfeld abzunehmen sind, ist jedoch unbekannt. Fest steht allerdings, dass dieser Preis die Agentur nichts kostet aber ihr aller Wahrscheinlichkeit erneute Gewinne beschert. Über eine Ähnlichkeit zu Herrn Bohlens Handlungsweisen kann hier sicherlich nicht ganz unbegründet diskutiert werden.
Natürlich sind wir an diesem Dilemma selber schuld, da niemand gezwungen wird an solch einem Wettbewerb teilzunehmen bzw. entsprechende AGBs zu unterzeichnen. Der jeweiligen Agentur kann gleichfalls keinerlei unrechtmäßiges Handeln vorgeworfen werden. Dennoch erachte ich diese Vorgehensweise als moralisch hoch fragwürdig. Ähnlich ungemein überzogenen Preisen für winzig kleine Kämmerlein in Proberaumbunkern wird auch hier mit den herrschenden Notständen in der Nachwuchsmusikerszene ein Geschäft gemacht. Eine Agentur gibt sich als scheinbar wohltätig aus, indem sie jungen Musikern die Chance offeriert einen Auftritt vor Publikum wahrzunehmen. In Wirklichkeit sieht sie hierin jedoch nur ihren Profit, den sie durch die oben genannten Vorgehensweisen und überzogene Ausschankpreise bereits sicher verbuchen kann. Besonders heikel wird das Thema, betrachtet man sich, von wem das Geld einkassiert wird. Hierbei handelt es sich vorzugsweise um junge Künstler für die der Verlust von 75 Euro pro Abend mal schnell das Ende eines Traumes bedeuten kann. Ich selber habe schon Veranstaltungen mit unterschiedlichen Nachwuchsbands organisiert. Trotz geringeren Eintrittspreisen und nach Abzug des Anteils der jeweiligen Clubs war es mir möglich die Bands im Schnitt mit 30 bis 40 Euro zu entlohnen. Das Argument der Wirtschaftlichkeit kann somit nicht zählen.
Je mehr nach Profit gestrebt wird umso schmutziger wird das Showgeschäft – scheint eine allgemein gängige Faustformel zu sein.
Abschließend möchte ich noch darauf verweisen, dass es dennoch eine Reihe wahrer ehrenamtlicher und gemeinnütziger Aktionäre und Veranstalter gibt, die den guten Ruf musisch kultureller Ereignisse verdienterweise weiterhin hoch halten. Allen Künstlern und Künstlerinnen kann ich daher nur raten, nehmt diese Angebote war und vermeidet Konzertagenturen der etwas anderen Art.
Ursprünglich hatten wir geplant Anfang dieses Sommers unser erstes Album zu veröffentlichen. Ob es dazu kommt, wird davon abhängen, wie oft wir eine Runde weiter kommen...
D. G.

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