Samstag. Ich wage mich einmal wieder selbst auf ein Konzert. Der Himmel ist noch grau aber die Wolken weichen schon den schwachen Strahlen der diesjährigen Julisonne. Nachdem mir die Hörprobe auf der Webseite schon entgegenschrie ich solle doch lieber daheimbleiben hat mich doch der Tatendrang dazu gebracht mich direkt in die Höhle des Löwen zu begeben...
Der netten Dame an der Kasse erzähle ich, ich sei Clubmitglied und Student, sie zwinkerte mir nicht unauffällig zu und ich glaube, mich schon auf dem sicheren Ufer zu befinden. Doch sie genehmigte mir nicht den gewöhnlichen Doppelrabatt und ich musste blechen.
Als ich mich schließlich auf dem schönen Platz einfinde, die Kapelle tönt schon vor sich hin, schaue ich mich nach bekannten Gesichtern um, find jedoch nur Menschen, die ihren Musikgeschmack noch vom letzten Jahrtausend mitgebracht haben. Da sitzen sie. Brav. Erwartungsvoll. Unter ihnen krächzende Bierbänke. Ich zwänge mich zwischen die Massen auf einen freien Zentimeter. Mein Blick richtet sich, wie in der Kirche, wie von selbst, nach vorne oben. Der Bassist, eine Mischung aus Jesus und einer Schildkröte, an die Bretter seine Instruments genagelt. Der Schlagzeuger mit eifriger Wut auf seine Untertanen einprügelnd. Der Keyboarder mit dem Kopftuch der heiligen Putzfrau und der Frontmann mit Gesicht und Auftreten eines Pfarrers. Seine Stimme krächzt predigend in das Mikrofon. Es ist bereits das dritte Gebet und schon stoßen die Arme des Mannes vor mir in die Luft. Es ist sein Lieblingssong! Er ist erfüllt. Auch die anderen lassen Ihre Köpfe nicht hängen.
Ich fühle es ist Zeit für etwas Beschäftigung, also bringt mir meine Freundin ein Bier. Ich nehme einen Schluck nach dem anderen und kann mich dabei immer besser in die Musik einfühlen. Eine chemisch gebräunte Dame mit rabenschwarzem Haar und hängenden Mundwinkeln meint die Texte zu kennen. Ihr roter Lippenstift blendet mich so sehr, dass ich kaum die inzwischen völlig weggetretene Dame von der Kasse dahinter erkennen kann. Es ist ganz ihr Ding! Arbeiten und auch noch Spaß dabei haben. Im Schwabenland!
Mehr gespielte Leidenschaft als spielen mit Leidenschaft von der Bühne. Der Frontmann trällert bereits die zwanzigste Wiederholung seines Gitarrensolos. Der Keyboarder perfektioniert seine Mimik. Der Schlagzeuger raucht die Zehnte und der Bassist noch immer regungslos! Plötzlich - ein hauch frischen Windes streicht durch das Laub der Bäume, die Bühne erstrahlt in hellem Gold! Der Veranstalter ist beruhigt, denn das Wetter hält, ich drehe mich um und siehe da - die Sonne, golden, wie sie uns vom Horizont gleichzeitig begrüßt und verabschiedet. Ein Moment, der mich einfach mitreißt und den Frust des Tages vergessen lässt! Ein ungewollter Seufzer entweicht meinen Lungen. So gefühlvoll, so stark, so lebendig, dass mich meine zwischen 140- und 160-jährige Nebensitzerin anstrahlt, angetan und überrascht fragt, was dieser Seufzer wohl zu bedeuten habe? Ich, sprachlos, kann ihr nicht einmal in die Augen schauen. Ich möchte ihr nicht mit einem realistischen Feedback den Abend versalzen, auf den sie so lange gewartet hat.
Nach dieser kleinen Gefühlsschwankung sehe ich mich nach weiteren Beschäftigungsmöglichkeiten um und siehe da - ein Wurststand! Ich packe den Geldbeutel aus der Tasche und hoffe während der Bestellung, dass der Senf nicht so alt ist, wie der Pavillon. Von der Fussball-WM 2006. Einmal die Senfkuh melken und schon knackt die Wursthaut zwischen meinen Zähnen. Ein echter Genuss! Ansonsten genieße ich noch 1,5 Bier und halte mit meiner Freundin bis zur Zugabe durch.
Alles in allem ein gelungener Abend mit echtem Open-Air-Flair, mit Wurst und Durst und was sonst noch so dazu gehört.
Auf bald,
Joe
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