Exclusiv-Interview - Backstage bei Cris Cosmo

Artist-News vom 29.01.2011

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Von Nicholas Beutler @ Face2Face

Ein Reisender, der immer weiter will

Cris Cosmo ist ein Genießer mit jeder Faser seines Körpers. Wir (Jean-Claude und Nicholas) trafen ihn Mitte Januar vor seinem Auftritt beim Landauer Rockhaus-Festival auf ein Interview und konnten nach einem tollen Auftritt mit dieser wohligen Erkenntnis nach Hause gehen.
Der 1978 als Christian Gingerich in der Nähe von Karlsruhe geborene Musiker ist ein ewig Junggebliebener, dem man seine kosmopolitische Mentalität und multikulturelle Einstellung in jedem Wort, jedem Lachen anmerkt. Die Zigarette, die er während des Interviews geraucht hat, verschlang er nicht, er genoss sie – lange Züge, große Pausen. Bei seinem Auftritt später am Abend fordert er das Publikum auf mit auf die Bühne zu kommen. Cris Cosmo beweist: Seine Gitarre ist nicht nur ein Instrument, es ist der Schlüssel, um Menschen zu vereinen. Seine Songs handeln von einer weltoffenen Geisteshaltung, auch gegenüber sich selbst. Von Reflektion, dem Suchen und Finden und dem gemeinsamen Spaßhaben. Cris Cosmo ist ein „Reisender, der immer weiter will“. Und das glaubt man ihm mit jedem Akkord, den er spielt.

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Face2Face: 1993 hast du zusammen mit deinem Bruder die Band „Not the same“, kurz NTS, gegründet, die später auf große Erfolge zurückblicken konnte. Was war für dich der entscheidende Augenblick, oder Moment, ab dem du wusstest, dass du mit deiner Musik erfolgreich sein kannst?
Cris Cosmo: Ich war Ende 13 als „NTS“ los ging und wir wollten auf dem Abschlussball der Schule meines Bruders auftreten. Der kannte einen guten Drummer und einen starken Bassisten, konnte aber nicht singen. Also hab ich den Gesang übernommen, er die Gitarre und das fanden wir so geil, dass wir angefangen haben zwei Mal die Woche zu proben und Songs zu schreiben. Ende ’93 gab es dann das erste Konzert und wir haben uns voll reingehängt: Equipment und Halle gemietet, richtig Geld investiert – waren natürlich auch dementsprechend aufgeregt im Vorfeld – und dann kamen zu dem Konzert tatsächlich 500 Leute. Ich war damals 14 und die Frau, in die ich verliebt war, kam nach dem Auftritt mit einer Blume auf die Bühne und hat mich geküsst. Und ab da war für mich klar: Ich bin Musiker – allen anderen Plänen zum Trotz!

Face2Face: Was haben Freunde und vor allem deine Eltern dazu gesagt? Waren sie mehr in der Rolle der konservativen Erzieher oder standen sie von Anfang an hinter dir?
Cris Cosmo: Also meine Eltern standen beide total hinter mir. Meine Mutter hat sich immer so ein bisschen Sorgen gemacht, ob es denn zum Leben reicht, aber sie haben mich sehr unterstützt – nicht nur emotional, sondern auch finanziell.

Face2Face: Als was würdest du heute arbeiten, wenn du kein Musiker geworden wärst?
Cris Cosmo: Ich hab mich ja schon immer für Sprachen interessiert und dachte, dass ich vielleicht irgendwas damit mache. Sei es Übersetzer, oder Diplomat – sowas in die Richtung. Aber das mit der Musik kam wie gesagt bereits sehr früh.

Face2Face: Du kommst ja aus Hessen und hast nach deiner Zeit mit NTS an der Popakademie Mannheim studiert. Wie war diese Umstellung für dich, wie kamst du mit Mannheim klar?
Cris Cosmo: Ich bin elf Jahre mit „NTS“ rumgereist und nachdem es nicht mehr funktioniert hat, bin ich erstmal nach Berlin und hab dort viel Musik gemacht, auch mit anderen Musikern. Nach einem kleinen, kostenintensiven Trip nach Brasilien und Stress mit meinem Zwischenmieter musste ich irgendwann aus Berlin raus. Ich kannte schon ein paar Leute von der Popakademie und wusste, dass die gutes Zeug machen. Natürlich war es komisch, plötzlich Popmusik zu studieren, aber ich dachte mir, ich probiere es mal und bin dann auch genommen worden. An meinem ersten Wochenende in der neuen Stadt war die Eröffnung des Mannheimer Musikparks, wo unter anderem „New York Sunday Brunch“ spielten, die mich sofort umgehauen haben. Das war echt tierisch und ich muss auch sagen: Um Musik zu machen, ist es einer der geilsten Plätze, der ganzen Welt! Das liegt einerseits an der Musikszene an sich, da sie sehr professionell und handwerklich sehr gut ist – ein hoher Standard eben – und andererseits ist die Szene sehr kollegial. Die Leute dort wollen sich eher kennenlernen und austauschen, als sich zu zeigen, wer geiler ist.

Face2Face: Du bist jetzt seit 1993 im Musikgeschäft tätig. Was würdest du sagen: Inwiefern hat sich die Musikwelt oder die Musikindustrie allgemein in diesem Zeitraum verändert? Welche Entwicklung findest du gut, welcher würdest du lieber rückgängig machen?
Cris Cosmo: Das Positive am Dasein eines Livekünstler wie ich einer bin ist, dass man Livekonzerte schlecht downloaden kann. Der Livemarkt ist ja auch nicht eingebrochen – im Gegenteil, der steigt ja zusehends. Die Entwicklung im illegalen Downloadbereich, mit den digitalen Medien, ist bestimmt nicht für alle so toll – vor allem die Musikindustrie hat es ganz schön umgehauen dadurch. Aber ich glaube, die hatte das mal nötig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden. Außerdem: Was heute Downloads sind, waren früher Tapes. Leute kaufen trotzdem noch Musik – zwar weniger als früher, allerdings wird insgesamt viel mehr Musik produziert dadurch. Die digitale Revolution hat ja auch so krasse Möglichkeiten mit sich gebracht: Wir produzieren unsere Sachen zum Beispiel hauptsächlich selbst! Das kostet zwar ziemlich viel Geld, aber du kannst es dir heutzutage leisten, wenn du dafür lebst – du bist eben nicht mehr so abhängig. Das heißt: die Kreativität des Einzelnen ist wesentlich mehr gefördert durch diesen Einbruch der Musikindustrie.

Face2Face: Der Song „Scheiß auf Facebook“ beschäftigt sich mit den sogenannten Sozialen Netzwerken unserer digitalen Zeit. Selbst bist du auch bei Facebook angemeldet. Was hat dich beim Schreiben dieses Songs inspiriert? Wie lautet deine Message?
Cris Cosmo: Ich bin selbst in Facebook, aber sage gleichzeitig, dass die Leute mehr rausgehen sollen, weg vom PC. Denn das Eine muss das Andere ja nicht ausschließen. Es solle quasi ein Aufruf sein an alle: Heute lassen wir die Kiste mal aus, gehen raus und machen Party. Das verstehen viele falsch, aber das polarisiert auch schön.

Face2Face: Bereitest du dich besonders auf Konzerte vor? Inwieweit beschäftigst du dich im Vorfeld mit der jeweiligen Stadt?
Cris Cosmo: Ich mach mich tatsächlich schlau, meistens dann, wenn ich ankomme. Ich spiele in neun Tagen in Kassel und zufällig ist mir in der Bücherei ein Krimi über Kassel in die Hände gefallen, den ich mir gleich mal reinziehen musste – solche Sachen mache ich schon im Vorfeld. Natürlich gibt es nicht zu jeder Stadt einen Krimi, aber wenn ich ankomme, quetsche ich die Leute schon ein bisschen aus, was es hier für Sehenswürdigkeiten gibt, oder wo es hier abgeht, wofür die Stadt steht und so weiter. Beim Auftritt selbst fange ich fast immer mit einem Freestyle an. Das ist von Konzert zu Konzert unterschiedlich, ich weiß im Vorfeld nie, wohin das führen wird.

Face2Face: Gibt es ein Konzert, an das du dich besonders gerne erinnerst? Wenn ja welches, und wieso?
Cris Cosmo: Da gab’s mehrere. Einerseits sind natürlich große Menschenmassen ein Highlight. Einmal bei der „Arena of Sound“ waren es 30.000 und das war schon verdammt cool, auch weil es echt direkt abging. Mit „NTS“ haben wir mal auf einem Schiff gespielt, da waren 500 Oberstufler und es ging so ab, dass bald alle auf dem Schiff ihre T-Shirts ausgezogen haben – auch die Mädchen. Die Leute sind so abgegangen, dass das Schiff auf dem Wasser gehüpft ist! Beim Landauer Sommer letztes Jahr haben wir nach dem kleinen Finale Deutschland gegen Uruguay gespielt – direkt nach dem Abpfiff kam der erste Ton von uns und da standen halt 5000 Leute da. Wir haben 2 ½ Stunden am Stück gespielt und haben uns die Leute so richtig erobert. In der letzten Stunde hat’s volle Kanne durchgepisst, aber viele Leute sind dortgeblieben und haben richtig, richtig gefeiert. Das sind natürlich Sachen, an die man sich immer wieder gerne erinnert!

Face2Face: Du hast ja auch gute Kontakte nach Brasilien und kommst viel rum. Wie würdest du die Mentalität der Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern beurteilen, auch bei den Konzerten?
Cris Cosmo: Also ich glaube, du musst die Leute überall erstmal kriegen. Natürlich geht Leute-auftauen leichter, wenn irgendwo 30°C sind, anstatt 0°C wie bei uns gerade. Aber generell sind die Deutschen ein ziemlich geiles Publikum muss ich sagen. Die deutsche Mentalität hab ich erst schätzen gelernt, als ich mal ein halbes Jahr weg war. Erst fand ich sie natürlich ein bisschen doof – sehr spießig, sehr reserviert. Ich bin aber hier und nicht woanders geblieben, einfach weil ich Deutschland mittlerweile einfach so geil finde. Die Deutschen sind das coolste Volk auf Erden, das ich kenne. Sie sind extrem aufrichtig, zuverlässig, sie haben super Manieren, sind höflich und respektvoll anderen Menschen gegenüber, aber auch sehr weltoffen. Leider sind sie vielleicht ein bisschen weniger herzlich, als andere Völker dieser Welt, dafür weißt du aber in Deutschland sehr genau, woran du bist, denn ein Deutscher sagt was er meint und meint was er sagt.

Face2Face: Was für Musik hörst du privat und wer gehört zu deinen großen Vorbildern?
Cris Cosmo: Eigentlich kommen immer neue Vorbilder dazu. Ich finde zum Beispiel, dass sich die deutsche Szene total geil entwickelt und da gibt’s einfach so gute Leute, die mich total flashen. Sei es ein ruhiger Clueso, oder ein lyrischer, aber düsterer Peter Fox – ich bin sehr textfixiert, auch in anderen Sprachen, selbst wenn ich sie kaum verstehe. Also Manu Chao ist nach wie vor jemand total Faszinierendes, wo es vielleicht auch eine Verbindung gibt, dass ich mal was mit ihm machen kann. Das wäre für mich schon was ganz besonderes. Früher waren meine großen Idole „Bad Religion“. Mit denen waren wir auf Tour mit „NTS“ – da gibt’s für mich ganz viele Sachen, die mich faszinieren. Aber es gibt nicht wirklich einen Künstler, der bei mir über dem Bett oder an der Wand hängt, wo ich denke „Ich möchte gerne sein wie …“. Ich möchte mich da schon selbst verwirklichen, mein eigener Cris Cosmo sein.

Face2Face: Wie sieht deine Vorschau für 2011 aus? Sind schon irgendwelche Festivalauftritte geplant oder werkelst du schon an deinem dritten Album?
Cris Cosmo: Also wir haben 2011 so eine Art Sabbatjahr und werden nichts veröffentlichen. Wir schreiben gerade die dritte Platte, ganz langsam nebenher. Die Produktion geht dann im Herbst los, 2012 soll sie erscheinen. Die ersten beiden Platten haben wir auf dem eigenen Label veröffentlicht, deshalb sind wir auch gerade am Gucken, ob es da nicht noch andere Möglichkeiten gibt. 2011 werden wir, wie jedes Jahr, sehr viel spielen – für den Sommer ist noch nicht so viel gebucht, aber es wird einige Stadtfeste und -festivals geben, unter anderem den Landauer Sommer. Dort werden wir am 08.07. auf der Hauptbühne auftreten, ansonsten einfach auf die Homepage gucken!

Face2Face: Vielen Dank für das Interview!

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Artikel & 2. Foto: Nicholas Beutler
Interview: Jean-Claude Jenowein & Nicholas Beutler
1. Foto: Alexander Grüber

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