Campus Web: "Popotritt-Metal mit Einlage / Bericht vom Sober Day 18.09.10 TSC-Festival"
Popotritt-Metal mit Einlage
Da SOBER TRUTH mit diesem Festival ihre Release-Party zum Video zum Song "Outta Hell" feierten, sollte das eigentlich noch vor dem Auftritt gezeigt werden. Man verschob es allerdings nach hinten, was um kurz nach neun am Abend dann doch die beste Entscheidung war. Immerhin waren die Beine bei einigen der Besucher schon ein bißchen in den Bauchraum gerutscht, und SKUM hatten auch nicht gerade ein Weichspülprogramm gefahren. Also begrüßte es der Saal einstimmig, daß SOBER TRUTH nun doch zuerst spielten und dann ihr Video zeigten.
Wie von den Siegburgern erwartet, gab es auch hier wieder Rasse und Klasse. Die Jungs meinen's eben ernst mit ihrer Karriere, und das sieht und hört man deutlich. SOBER TRUTH bezeichnen ihren Stil als Ab-geht-die-Post-Metal. Dazu bedarf es eigentlich keiner weiteren Ergänzung. Denn ob es thrasht, ob es rockt, ob da ein wenig MACHINE HEAD durchschimmert, abgelöst wird von einem Eckchen PANTERA, um gleich darauf ins SLAYER-TESTAMENTsche Riffgewitter zu münden – SOBER TRUTH sind eine Ausnahmeerscheinung im regionalen Underground, da sie auch bei kleinen Gigs den Reaktor immer auf 150% trimmen.
Sänger Torsten Schramm präsentiert sich dabei auf der Bühne mit absolutem Wiedererkennungswert: Ein bißchen klingt er wie Pete Steele seligen Angedenkens, dann kommt der System-Of-A-Down-Modus durch, bevor es in ganz andere Gefilde geht, wo dann und wann sogar James-Hetfield-Nuancen anklopfen dürfen. Insgesamt ganz klar jetzt schon Profis, zusammen mit SKUM eindeutig der herausragende Act des Tages.
Bemerkenswert war übrigens der neue Drummer im Line up, der erst seit drei Wochen in der Band ist. Der Mann hatte sich ob der sicherlich viel zu knappen Vorbereitungszeit was ganz Besonderes einfallen lassen: Als Instrument-Akademiker hatte er die Songs einfach mal in Partitur geschrieben und während der Show locker vom Blatt gespielt. Und niemand hat's gemerkt, es war nämlich perfekt! Ein Lehrstück in Sachen Professionalität, sicher, präzise und brachial. Daran kann sich so manch alteingesessener Metallic*HUST*-Schlagzeuger mal ein Beispiel nehmen...
Die PEPPERELLAS standen für drei Nummern mit auf der Bühne und machten auch da eine sehr gute Figur. Das Konzept Burlesque-Tänzerinnen mit Knüppel-durch-Metal-Band ging astrein auf. Sehr schöner Stil das alles, sehr professionell angegangen, sehr sauber in Szene gesetzt.
Metal-Videos sind langweilig? Von wegen!
Festival: "Till someone cries", Teil 3. Oder: Wer braucht für einen Video-Release schon ein Label?
Torsten Schramm beschwört das Publikum.
Danach kam das Video auf die Leinwand. Und wieder was zum Zungeschnalzen: Bei SOBER TRUTH gibt’s einfach keine halben Sachen; das Dingen ist gesalzen produziert, die Atmung einfach grandios. (Mitgewirkt haben hier übrigens auch die PEPPERELLAS. Das nur so am Rande...)
Das Publikum dankte es. Es gab gehörigen Applaus, den die Band dann auch gerne an die Organisatoren weiterreichte. Denn das Jugendzentrum Bauhaus hatte wohl selten so hart gerockt wie heute, und dabei auch nach über acht Stunden mit derbem Metal noch so gut ausgesehen.
Die Aftershowparty läutete eine kleine Feuer-Show im Garten ein. Auch das hatte Stil und Atmosphäre, eben weil es nicht großspurig daherkam, weil an jeder Ecke ehrliche Handarbeit durchschien. Die regionale Metalszene ist eben mit Herzblut und viel Engagement dabei. Sie lebt, gedeiht, läßt sich nicht unterkriegen und tut wirklich was für den Nachwuchs, wie das Festival deutlich zeigen konnte – wenn auch das Publikum wie die meisten Bands im Durchschnitt keine 20 mehr waren. Doch das hinterließ im positivsten Sinne einen ernsthaften und sehr zielstrebigen Eindruck. Alle haben sie hier was auf die Beine gestellt und schwer geackert, weil sie eben weiterkommen wollen. Ohne Eigeninitiative geht eben nichts in der Szene, kommen keine neuen Einflüsse, kommt kein Nachwuchs. Und SOBER TRUTH scheinen sich die Devise "Ohne Fleiß, kein Preis" ganz bewußt sehr groß auf die Fahnen geschrieben zu haben.
"Wir wollen eben nach oben", bestätigt Torsten Schramm nach der Show diesen Eindruck. Und auf diesem Weg scheuen sie keine Mühen: 90 Gigs haben sie im laufenden Jahr bereits in Deutschland gespielt. Eine ganze Menge, gerade für eine Band, die immer noch komplett im Eigenvertrieb steht. Ob sich das nicht bald ändern sollte? Der sympathische Einmeterneunzigmann nickt: "Wir suchen ein Label, aber bislang hat sich noch keiner getraut, uns unter Vertrag zu nehmen." Ich für meinen Teil bin nach dem Auftritt an diesem Abend der Meinung, daß sich die ein oder andere "Plattenfirma" durchaus mal trauen sollte.
Ein Uhr durch, die Aftershowparty ist rum. Jetzt noch mal bei der Bad-Taste-Fete in einer örtlichen Lokalität reinschnuppern zwecks Kontrastprogramm. Ein bißchen Vorstadt-Dissen-Atmo mit Topfschlagen war das dann schon, der Kleinkinderanteil hatte allerdings um die Uhrzeit auch schon abgenommen. Trotzdem ne Runde abspacken, weil's so schön ist. Ein Bierchen noch hinterher und ab zum Bahnhof.
Günstig liegt's ja – und die Schiene von Köln ins Siegerland ist auch am Wochenende noch gut befahren. Also hat's insgesamt doch was Gutes, dieses größte Städtchen im Rhein-Sieg-Kreis da. Zumindest an diesem Samstag war das so. Und gerne immer wieder!
Autor: David Weiers / Bild: Joachim C. Fink / 22.09.2010
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