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Velojet: Heavy Gold And The Great Return Of The Stereo Chorus
I.
Mein Vater war Goldschmied. Von klein auf war ich umgeben von glitzernden Dingen, von Edelmetallen, die, bevor sie in Form gebracht werden, fast spektakulär unscheinbar sind. Und seit frühester Kindheit ist mir bewusst, dass das, was später so glänzend, so verführerisch, so scheinbar leicht und edel Nacken, Finger, Handgelenke, Ohren zu schmücken vermag, das Produkt harter Arbeit ist. Schließlich ist gerade Gold ein Material, das sich zwar leicht formen lässt – aber genau darin liegt das Problem: Damit sich das Resultat sehen lassen kann, muss es mit Sorgfalt genauso wie mit Schweiß und Anstrengung gefertigt werden.
"Heavy Gold" ist die eine Hälfte des Titels des dritten Albums von Velojet, und sie wurde mit Bedacht gewählt, wird hier doch Existentielles verbildlicht: Das Schwere, also Arbeit, der ständige Druck, der auf uns allen lastet, bedingt das Schöne, das Funkelnde, letztlich Geld, von dem sich doch kaum jemand unabhängig schätzen kann – aber auch vice versa, klar. Was nützt die beste, die originellste Idee, wenn sie bloß halbherzig oder gar nicht umgesetzt wird? Um einen Allgemeinplatz zu bemühen: Ohne Fleiß kein Preis. Oder um einen der neuen Velojet-Songs ins Spiel zu bringen: "The Money We Get Is the Price We Pay". Und noch einmal anders gesagt: "Believe me, I don't wanna spend my lifetime waiting for the things that won't come. That weighs me down like heavy gold." ("Heavy Gold")
II.
Nicht immer muss man auf versteckte Hinweise, auf Doppeldeutigkeiten aus sein, manches ist einfach wie es ist. Ein "Stereo Chorus" mag ein Effektgerät für elektrische Gitarren sein, das tut hier aber wenig bis gar nichts zur Sache. "Keine Angst mehr vor fetten Refrains", sagt René Mühlberger, Sänger, Gitarrist und Songwriter von Velojet. Dass "chorus" im Englischen "Refrain" bedeutet, muss man hier nicht näher erläutern, fest steht: Auch wenn sie sich nie wirklich davon losgesagt haben feiern Velojet auf "Heavy Gold and the Great Return of the Stereo Chorus" nicht weniger als die Rückkehr der zwingenden, der euphorischen Refrains, der Chorpassagen, die nicht nur einmal das Herz aufgehen lassen.
Die Streicherpassagen, ein Novum im Soundgefüge von Velojet, tun ihr Übriges. Arrangiert von Bassistin/Sängerin Marlene Lacherstorfer und Hans Wagner, der mit seinem Trio Neuschnee Cello, Violine und Viola beisteuerte verkleben sie keineswegs süßlich die Songs; sie heben sie auf eine andere Ebene, sind mehr als bloß Beiwerk und dennoch nicht aufdringlich, sondern, ja, Teil der Titel, auf denen sie zu hören sind. Kein Wunder, dass Neuschnee wohl auf Tour mit dabei sein werden. Und da die Live-Konzerte von Velojet bei aller Melodieseligkeit fulminante Rock-Shows sind, darf man gespannt sein, was einen erwartet.
III.
Velojet haben sich geöffnet, haben erstmals nicht in den oberösterreichischen Seppdember Studios aufgenommen, sondern in Wien, in Zebo Adams Dolphin Suite Studio, und sie haben Gäste auf ihrer Platte, jede Menge sogar. Ersteres ist praktischen Gründen geschuldet, leben doch alle Bandmitglieder, neben René und Marlene auch Schlagzeuger Michael Flatz und die für dieses Album an den Tasten stehende Katharina Auinger, mittlerweile in Wien. Der Sound diesmal ist offener, gleichsam kompakter, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass Produzent Adam Velojet immer weiter getrieben hat. Ein Umstand, der auch René entgegen kam, konnte er doch einen Teil der Verantwortlichkeiten bei den Aufnahmen ablegen – Arbeit, ja, aber diesmal mehr im gemeinschaftlichen Sinn als auf den beiden früheren Alben.
Das mit den Gästen lief weniger pragmatisch ab: Mit Ausnahme von Neuschnee, die immerhin auf über der Hälfte der Songs zu hören sind, ergaben sich die Auftritte eher spontan: Robert Rotifers Akustikgitarre auf "A Hole Under Your Feet", Toph Taylors (Trouble Over Tokyo) Stimme auf "Give Up The Ghost", die Tschinellen von Ex-Keyboarderin Irene Grabherr oder die Beiträge von Hubert Weinheimer, nicht nur ein Hälfte des Duos Das Trojanische Pferd, sondern auch Renés Wohnungskollege. Nicht alles lief reibungslos ab: Bei den zwanglosen Aufnahmen ("Innerhalb kürzester Zeit waren alle bedient" – René) zum Abschlussstück "Driving Home", das von einem illuster besetzten Chor gegeben wurde, fing gar der Bass-Verstärker zum Rauchen an (keine wilde, aufgesetzte Rock'n'Roll-Pose, schlicht unsachgemäße Handhabung eines der Gastmusiker).
IV.
Während der Aufnahmen zu "Heavy Gold and the Great Return of the Stereo Chorus" haben sich Velojet immer wieder "This Is Spinal Tap" angesehen, nicht nur laut Roger Ebert one of the funniest movies ever made. Einer der Running Gags ist, dass die Band ihrer Schlagzeuger auf mehr oder minder bizarrer Weise verlustig wird – Stichwort "spontaneous human combustion". Über einige Ecken hat das auch mit dem Wiener Quartett zu tun, schließlich hatte Keyboarderin Irene Grabherr durch ihren Abgang im Sommer 2008 das Quartett kurzfristig zum Trio schrumpfen lassen. Für sie kam Katharina Auinger, und mit ihr das Klavier: Zwei Songs, "A Hole Under Your Feet" und "The Great Return of the Stereo Chorus" wurden im Wiener Jazzclub Porgy & Bess aufgenommen – dort steht ein wunderbarer Flügel, der nun auch Einzug auf dieses dritte Velojet-Album gehalten hat.
Und klar, der ABBA-Effekt, zwei Jungs und zwei Mädels, war wieder hergestellt. Das führt so weit, dass einige auch der ersten Single des Albums, "Pass It Back", Ähnlichkeiten mit der Musik der Schweden bescheinigen – wobei man sich andererseits gerne auch an eine melancholische Variante alter Motown-Songs erinnert fühlen darf, das ganze dann aber doch durch und durch nach Velojet klingt. Statt Katharina Auinger steht nun übrigens Lisi Neuhold an den Tasten, der Gender-bedingte Vergleich mit ABBA kann also weiter aufrecht bleiben.
V.
"The corridors are filled with memories / They stick with you like the smell of gasoline", lauten die ersten Zeilen auf "Heavy Gold and the Great Return of the Stereo Chorus" und geben die Richtung der Platte vor. Dies ist, wenn man so will, eine Aufarbeitungsplatte, eine, die Feuer mit Feuer bekämpft und Geister der Vergangenheit beschwört: "The chaos came just like a ghost", heißt es etwa an anderer Stelle, und um selbst Abstand zu gewinnen und die Dinge von außen betrachten zu können, kam es gar zu einer Art Auftragsarbeit. Hubert Weinheimer steuerte den Text zum Song "The Great Return of the Stereo Chorus" bei: "Ich habe Hubert erzählt, dass ich im Moment viele Erinnerungen aufzuarbeiten habe", sagt René, "und wollte das aus der Sicht eines Außenstehenden zusammengefasst haben. Und so hat er quasi den Text auf mich zugeschnitzt."
René mag Album Nummer drei als eine "schwarze, dunkle" Platte sehen, und sie klingt vielleicht tatsächlich nicht so unbeschwert wie ihre Vorgänger. Sie strahlt aber nicht weniger und ist wohl der bis dato beste Tonträger von Velojet – und das will was heißen. Denn mit jedem Ton, mit jedem gesungenen Wort klingen Velojet immer nach Velojet, so manche an die Beatles angelehnte Akkordwechsel hin, so manche Reminiszenz an Bowie in seiner Glam-Phase her. Ein größeres Kompliment kann man einer Band nicht machen. Überzeugen Sie sich selbst.
Christian Kisler
Tracklist
prelude
don´t lose your head
i woke up
usw
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