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Rap in Deutschland erinnert auch anno 2006 schwer an die Reise nach Jerusalem: Viel zu wenige Sitzgelegenheiten für viel zu viele Mitspieler. Besonders der Stuhl mit dem eigentlich viel zu großen pinkfarbenen Bezug ächzt und stöhnt hörbar unter der schweren Last, die er aktuell zu tragen hat und unter der er fast zusammenzubrechen droht. Aber auch bei den übrigen Stühlen sieht es nicht besser aus – die Abnutzungserscheinungen sind schon lange nicht mehr zu übersehen. Warum also mit aller Gewalt einen der durchgesessenen, überfüllten Stühle ansteuern? Warum mit spitzen Ellenbogen andere zur Seite drängen? Schließlich gibt es doch immer noch genügend kreativen Freiraum. Wo? Ganz einfach: Dort, wo er von der Logik her sein sollte, aber wo er seltsamerweise nicht vermutet wird – zwischen den Stühlen!
Genau dort haben Kopfhörer mit ihrem zweiten Album im wahrsten Sinne des Wortes Platz genommen. Im vollen Bewusstsein darüber, dass der Volksmund all jenen Menschen, die sich zwischen die Stühle setzen, gerne attestiert, sich nicht eindeutig für oder gegen etwas zu entscheiden zu können, also ein Problem zu haben. Und die beiden nutzen den selbst geschaffenen Freiraum. Da ist Platz genug für das aufrüttelnde „Neue Träume“ („In Anbetracht der Lage helfen keine Wunder mehr. In Anbetracht der Lage helfen nur Liebe, Hass oder Underberg...“). Oder für das zynische „Elite“, das den Ackermännern dieser Nation am liebsten Zeige- und Mittelfinger brechen möchte („Leistung muss sich wieder lohnen – das ist die Devise“). Aber auch für das ironische, aber nichtsdestotrotz tanzbare „Zeit für 'ne Single“ („Wenn wir 'nen Echo bekommen, nach zehn Minuten Arbeit für 'nen kleinen trashigen Song, dann nehmen wir’s auf“). Und für das kämpferische „Unheilbar krank doch beileibe nicht alleine“ („Ich will weder funktionieren noch verweigern und dafür das, was mich glücklich macht, verlieren“). Alles in allem ist ausreichend Platz für 19 Songs, „die sich gewaschen haben, kein Gewäsch“.
Denn eines wissen die beiden ganz genau: „Wir brauchen flammende Reden, nur um ein Zeichen zu setzen. Flammende Reden gegen das Eis in den Köpfen.“ (aus „Neue Träume“) Und genau deshalb ist Rap hier mehr als nur Mittel zum Zweck, mehr als nur der zwanghafte Versuch, dazu zu gehören, sich der Szene anzubiedern oder mit einer möglichst lückenlosen Aneinanderreihung sämtlicher bekannter F-Wörter um Aufmerksamkeit zu heischen: „Ich such’ nur etwas Ruhe, frag’ nicht, quo vadis. Alter, du weißt doch, home is where your heart is. Vielleicht mach’ ich mich auch zu oft in meiner Bude locker, doch bevor ich eure Feste feier’, nenn mich eben Stubenhocker." Auf „Zwischen den Stühlen“ ist Rap noch Sprachrohr, Ausdrucksform und Ventil zugleich. Trotzdem ist das Album auch provokant. Die Provokation spielt sich allerdings auf einer anderen, viel subtileren Ebene ab, als man das von zahlreichen anderen Rap-Scheiben kennt. Hier werden wieder essentielle, aber scheinbar vernachlässigte menschliche Befindlichkeiten in den Fokus gerückt, gesellschaftlich relevante Themen angesprochen, anstatt ständig nur im eigenen Saft zu schmoren. Klar, die Lösung zur Rettung der Nation haben auch die beiden Twentysomethings nicht parat („An den meisten Tagen balancier’ ich auf dem schmalen Grat zwischen total am Arsch und Dreitagebart“) – aber man wird doch noch mal drüber nachdenken und reden dürfen, oder...? „Das Album beweist, dass man nicht zwangsläufig in einem szenebedingten Käfig aus Dogmen und Klischees verharren muss, wenn man Rap-Musik macht“, betonen Jack Junk Dean und Pete. Image ist eben nichts, Inhalt dagegen alles!
„Unter dem Strich ist es ein Album, über das wir sagen können, dass es uns gelungen ist, 19 Titel zu schreiben, die von einem gemeinsamen roten Faden durchzogen werden und sich letztlich zu einem Gesamtwerk zusammenschließen, das den Titel ,Album’ zu Recht trägt“, fassen Kopfhörer zusammen. „Zwischen den Stühlen“ steht damit in der Tradition des Debüts „Ultraschall“, das 2003 ebenfalls auf dem Kölner Label Al Dente Recordz erschien und nicht nur dank positiver Rezensionen in den HipHop-relevanten Print- und Online-Medien wie Juice, Backspin, HipHop.de oder Rap.de zu einem Achtungserfolg wurde. Eine Deutschland-Tour mit den befreundeten Label-Chefs von der Microphone Mafia, Engagements bei „Sound of Frankfurt“ oder im Thalia Theater Hamburg sowie zahlreiche weitere kleinere und größere Auftritte bei Jams und Festivals mit namhaften Künstlern folgten.
Kennen gelernt haben sich die beiden 25-Jährigen übrigens 2000 auf einer Party im heimischen Limburg. Bereits ein Jahr später veröffentlichten sie mit ihrer neunköpfigen DGS-Crew in Eigenregie ein Tape namens „Statusbericht“. Als sich die DGS-Crew in alle Himmelsrichtungen zerstreute, war schnell klar, dass Junker und Pete weiter gemeinsam Musik machen würden. 2001 erschien die gemeinsame Vinyl-LP „Seitensprung“, auf der sie die besten Stücke ihrer jeweiligen Solo-Alben (Pete „comPETEtion + therapie“, Jack Junk Dean „The unknown stuntman“) vereinigten.
Als es 2004 und 2005 ein wenig ruhiger um Kopfhörer wurde, brachte sich Pete mit seinem Rap-Projekt „Justyn Tyme“ dank des Internets nicht nur national, sondern auch international ins Gespräch: Der Song „Wir haben Du-Ri Cha“ (ein Bootleg der Snoop Dogg-Nummer „Drop it like it’s hot“) wurde im Zuge des Bundesliga-Aufstiegs der Kicker von Eintracht Frankfurt 2005 zeitweise zum Most-Wanted-Song in Südkorea und erhielt unter anderem durch RTL, NBC Giga, HR3, DW-TV oder die Internetseite der Stadt Frankfurt weltweite Promotion.
2006 sind Kopfhörer bereit, mit ambitionierter Musik wieder durchzustarten. Jack Junk Dean hat das komplette Album in seinem Studio in Mainz produziert. Nach dem Rückzug von DJ D-Sign haben sich die beiden die alten Weggefährten von den Fader Fetischisten (cl-audio und GianHooka aus Herborn) ins Boot geholt, die vielen Songs mit ihren Cuts den letzten Schliff verleihen. Features kommen von der Microphone Mafia (Köln), Straight No Chaser (Limburg), Mammut Freshest (Gießen) und DJ Flipside (Wetzlar). „Wir denken, dass die Titel der LP einerseits sehr heterogen und abwechslungsreich sind, sich andererseits jedoch perfekt in ein harmonisches, ausgeglichenes Konzept fügen.“ Volksmund hin, Volksmund her - zwischen den Stühlen gibt es viel zu entdecken. Vor allem für Kopf-Hörer...
Tracklist
Intro feat. Badesalz
Die schon wieder
Neue Träume
Nix
Jetzt sofort
Das ganze normale chaos feat. Straight no Chaser
Funky drauf?
Nie landen
Ich versteh die Welt nicht mehr
Zeit für ne single
Verkehrsfunk feat. Saskia
Kopfhörer FM feat. Flipside McMurphy
Elite feat. Michi
Wenn ich nach Hause komm'
Bauchredner feat. Microphone Mafia
Unheilbar krank, doch beileibe nicht alleine
Kein Liebeslied
Stille Post feat. Mammut Freshest
Musik feat. Michi
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